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01 Juni 2011

Herren ueber Tod und Leben - Holocaust - Staatsverbrechen

http://programm.ard.de/sendungsbilder/teaser_normal/008/POCUTF8_6426837022_Original_Daccord.JPEG

1of3 WDR dok Herren ueber Tod und Leben - Holocaust  - State crimes - english subtitles (see part 3)
http://www.youtube.com/watch?v=TGezTJqyyow Teil 1

2of3 WDR dok Herren ueber Tod und Leben - Nie wieder Krieg fuer Wirtschafts-interessen
http://www.youtube.com/watch?v=Ikcl0BQbXGg

3of3 WDR dok Herren ueber Tod und Leben - PLEASE help with englisch subtitles
http://www.youtube.com/watch?v=V3LY68LYjTE

http://i233.photobucket.com/albums/ee261/FrankPilla/kulls.gif
Afghanistan Vietnam Laos Nicaragua Iraq usw usw

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 rückt hinter den Panzern der Wehrmacht und den mobilen Tötungskommandos der SS-Einsatztruppen die Deutsche Zivilverwaltung an.

An ihrer Spitze verdiente Parteigenossen, Gauleiter, Land- und Kreisräte, Juristen, Forst- und Finanzbeamte.

Ihre offizielle Aufgabe: Ausbeutung der Wirtschaft, Überwachung der Zivilbevölkerung, Zwangsarbeit. Doch zu den wichtigsten Aspekten ihrer Arbeit zählt von Beginn an die Ermordung der dort lebenden Juden und Zigeuner, sowie ab Herbst 1941 der aus dem Reich hierher deportierten deutschen Juden.

Fast alle kehrten unbehelligt nach Kriegsende in ihre bürgerlichen Berufe zurück, setzten ihre Karriere bis in höchste Ämter fort und erschufen die Legende von der sauberen Zivilverwaltung. Einer der führenden Köpfe der Zivilverwaltung in den besetzten Ostgebieten: Wilhelm Kube, Jahrgang 1883, praktizierender Christ, akademisch gebildeter Humanist, kultiviert, Familienmensch. Bei seiner "Blutarbeit im Osten", wie er die Arbeit der Zivilverwaltung pathetisch nennt, ist er Herr über Tod und Leben, befiehlt und organisiert Massentötungen von vielen tausend Juden.

Im September 1943 fällt er in Minsk einem Bombenattentat zum Opfer. Seine Frau und seine Söhne überleben den Anschlag wie durch ein Wunder unverletzt. Hier geben sie erstmals Auskunft über den Ehemann und Vater und die gemeinsame Zeit in Minsk.

Dreharbeiten an den Originalschauplätzen der Massenmorde, unbekanntes Filmmaterial und Dokumente aus russischen und baltischen Archiven belegen die Rolle der deutschen Zivilverwaltung beim Judenmord und geben Antwort auf die Frage, wie aus normalen deutschen Männern zuverlässige Mittäter wurden, die bereit waren, an dem Undenkbaren mitzuwirken - der Vernichtung von Millionen von Menschen.


http://www.wdr.de/tv/wdr-dok/sendungsbeitraege/2011/0502/img/2_Herren_ueber_Tod_und_Leben_400.jpg


Herren über Tod und Leben

Bürokraten des Holocaust

Sommer 1941. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion rückt hinter den Panzern der deutschen Wehrmacht und den SS-Tötungskommandos die Zivilverwaltung ein. Einer der führenden Köpfe ist Wilhelm Kube, der Generalkommissar von "Weißruthenien", wie die Nazis das eroberte Weißrussland nennen.

Der praktizierende Christ Kube präsentiert sich als kultivierter Familienmensch - und ist gleichzeitig einer der "Herren über Tod und Leben": Er befiehlt und organisiert die Massentötungen von vielen tausend Juden. Denn unter dem harmlos klingenden Begriff der "Zivilverwaltung" sind die Beamten tatsächlich mit der Ausplünderung des Landes für die Wehrmacht und das Reich beauftragt.

 Weißrussland soll nach den Plänen der Nazis die Nahrungsgrundlage für das zukünftige Großdeutschland liefern. Die hungernde weißrussische Zivilbevölkerung gilt den Nazis als "minderwertig". Von Beginn an zählt auch die Ermordung der dort lebenden Juden - und später der hierher deportierten deutschen Juden - zu den Aufgaben der Zivilverwaltung.
Legende von der "sauberen Zivilverwaltung"

Im September 1943 fällt Wilhelm Kube in Minsk einem Bombenattentat zum Opfer. Seine Frau und seine Söhne überleben den Anschlag wie durch ein Wunder unverletzt. Im Film "Herren über Tod und Leben" geben sie zum ersten Mal im Fernsehen Auskunft über den Ehemann und Vater und die gemeinsame Zeit in Minsk. Die meisten anderen Mitglieder des bürokratischen Apparates kehrten nach Kriegsende unbehelligt in ihre bürgerlichen Berufe zurück und setzten ihre Karrieren bis in höchste Ämter fort. Sie waren es auch, die die Legende von der "sauberen" Zivilverwaltung erschufen.

Dreharbeiten an den Originalschauplätzen der Massenmorde, unbekanntes Filmmaterial und Dokumente aus russischen und baltischen Archiven belegen die Rolle der deutschen Zivilverwaltung beim Holocaust und versuchen, eine Antwort zu geben auf die Frage, wie aus normalen deutschen Männern zuverlässige Mittäter bei der Vernichtung von Millionen von Menschen wurden.

Ein Film von Jürgen Naumann

gesendet 2 mai 2011 - mp4 tvoon original


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in part 2 bei 11:05  SLONIM synagoge (DEUTSCHLAND BAUT DIE SYNAGOGE WIEDER AUF!)

http://www.wmf.org/project/slonim-synagogue

Slonim, Belarus  WMF Program: Field Project - Baroque synagogue Sacred

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Slonim Synagogue, a baroque structure that has overlooked the Slonim city marketplace since 1642, remains the best preserved synagogue in Belarus, despite decades of neglect and vandalism. The building, with its dramatic gabled roof and imposing exterior, features an impressive group of paintings and carvings, including a collection of murals depicting musical instruments, scrollwork, and biblical scenes. Though built for the city's once-sizeable Jewish community, in recent years Slonim has undergone substantial deterioration, largely as a result of the decimation of the local population during World War II and subsequent disuse of the synagogue. The building was used as a warehouse and was subject to vandalism, resulting in serious structural problems. When WMF began work at the site, the building's roof had partially collapsed and its walls were structurally unstable.


http://www.wmf.org/sites/default/files/imagecache/project/images/project/BLR-Slo-int-bima-01.jpghttp://www.wmf.org/sites/default/files/imagecache/project/images/project/BLR-Slo-SW-vw-frm-gallery.jpg


When it was built in the 17th century, Slonim was one of the region's great synagogues, a monument to the thriving Jewish community in the area, and representative of rich, local cultural and aesthetic traditions. The synagogue is, to some, a grim reminder of a tragic history. Yet, Slonim remains one of the country's great sacred structures. WMF's work at the site marks an effort to reassert the building's historical, architectural, and symbolic relevance. By providing a plan for future work at Slonim, and enacting key structural interventions there, WMF has demonstrated its commitment to the conservation of the synagogue, and its belief in the building's importance as a Jewish heritage site.

http://www.wmf.org/sites/default/files/imagecache/project/images/project/BLR-Slo-ext-02.jpg

A WMF report, presented in 2001, emphasized serious structural deficiencies in the synagogue walls, which threatened to collapse, and highlighted the poor condition of the building surroundings, which were littered with debris. Additionally, the building's roof, partially collapsed and at serious risk of further deterioration, required immediate attention. WMF's analysis provided a blueprint for future conservation work at the site. In accordance with its findings, WMF began work to stabilize key structural walls in the early 2000s.

http://www.wmf.org/sites/default/files/imagecache/project/images/project/BLR-Slo-int-90.jpg


ASCHKENAS Ð Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 14/2004, H. 2 Tobias Lamey Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus in Europa im 16. und 17. Jahrhundert Ð Versuch einer Annäherung* Sind die polnischen Holzsynagogen im Allgemeinen als Besonderheit jüdischen Lebens bekannt, so gilt dies kaum für den Bau der polnischen Steinsynagogen Ð dieser wird meist als einer unter mehreren angesehen. Unabhängig von der Bauweise bestand in Polen im 16. und 17. Jahrhundert ein großer Bedarf an Synagogen, da hier fast die Hälfte aller Juden lebte. Nach den Vertreibungen am Ende des 15. Jahrhunderts waren aschkenasische Juden vor allem nach Polen und auch nach Böhmen-Mähren, sefardische Juden waren vor allem in das osmanische Reich, auch nach Italien und später nach Amsterdam geflohen. Diese Situation änderte sich erst mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts, als sich das Gebiet wieder ausweitete, in dem Juden sich niederlassen konnten. Die damalige jüdische Konzentration auf Polen läßt erwarten, daß sich vor allem hier Synagogenbau entfaltete. Der besondere polnische Holzsynagogenbau bestätigt diese Annahme. Für den polnischen Steinsynagogenbau scheint sie nicht zuzutreffen: in den Monographien und Abhandlungen über die geschichtliche Entwicklung der Synagoge in Europa wird dieser als einer von mehreren isoliert beschrieben und untersucht. Seine Stellung im Verhältnis zum zeitgleichen Bau in den übrigen europäischen, christlich geprägten Ländern ist dort nicht Gegenstand der Untersuchung.1 * Dieser Aufsatz entstand im Rahmen meiner Dissertation mit dem Arbeitstitel »Steinsynagogen in Polen-Litauen im 16. und 17. Jahrhundert Ð Architekturen jüdischer Versammlungen«, die von Professor Harmen Thies, Fachgebiet Baugeschichte an der TU Braunschweig betreut wird und die ich dort einreichen werde. Das Korreferat wird Dr. Eleonora Bergman vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau schreiben. 1 Dies bezieht sich auf Rachel Wischnitzer: The Architecture of the European Synagogue. Philadelphia 1964; Carol Hersell Krinsky: Europas Synagogen. Architektur, Geschichte und Bedeutung. Wiesbaden 1997; Hannelore Künzl: Jüdische Kunst. Von der biblischen Zeit bis zur Gegenwart. München 1992. Ð Wischnitzer reiht in ihrem epochemachenden, immer noch äußerst instruierenden Werk bestimmte architektonische Entwicklungsabschnitte aneinander, greift dabei oft zeitlich vor oder springt zurück, so daß zeitgleiche Verhältnisse nicht in Erscheinung treten (vgl. Gliederung). Ð Krinsky reduziert zwei Jahrtausende Synagogenbau auf 5 Grundrißtypen (S. 20, 52Ð62) und handelt dann den Synagogenbau streng getrennt nach geographischen Bereichen Tobias Lamey Mit diesem Aufsatz wird demgegenüber versucht, folgendes aufzuzeigen: Erstens nimmt im Rahmen des frühneuzeitlichen Steinsynagogenbaus der polnische eine quantitativ und qualitativ einzigartige Stellung ein. Zweitens entwickeln sich hier am deutlichsten Neuerungen, die bisherige Traditionen ersetzen. Drittens strahlen diese Neuerungen in den dann folgenden Synagogenbau anderer Länder aus. Und viertens sind diese Neuerungen möglicherweise erstmals auf einen stärkeren gestalterischen Einfluß der jüdischen Bauherrenschaften zurückzuführen. Hilfreich für diesen Versuch ist, daß im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts eine nicht geringe Anzahl länderspezifischer Publikationen über Synagogenbau erschien.2 Die Geschichte des jüdischen Volkes und ihre damit verbundenen länderspezifischen Disparitäten können hier allenfalls partiell im Hintergrund berücksichtigt werden.3 Im Vordergrund steht der Versuch einer baugeschichtlich orientierten für jeweils diesen Zeitraum ab (S. 128Ð423). Ð Künzl beschreibt isoliert den Synagogenbau der frühen Neuzeit in den einzelnen Ländern (S. 81Ð105), stellt aber zwischen diesen keine Verbindungen her. 2 Für Großbritanien: Building Jerusalem. Jewish Architecture in Britain. Ed. by Sharman Kadish. London 1996. Ð Für Österreich: Pierre Genee: Synagogen in Österreich. Wien 1992. Ð Für Polen: ´ Eleonora Bergman/Jan Jagielski: Zachowane synagogi i domy modlitwy w Polsce [Erhaltene Synagogen und Gebetshäuser in Polen]. Katalog. Zydowski Instytut Historyczny. Warszawa 1996; Maria Piechotkowie/Kazimierz Piechotkowie: Bramy Nieba. Boznice drewniane na ziemiach ´ dawnej Rzeczypospolitej [Tore des Himmels. Holzsynagogen in den Ländern der frühen Republik]. Warszawa 1996; Dies.: Bramy Nieba. Boznice murowane na ziemiach dawnej Rzeczypospoli´ tej [Tore des Himmels. Steinsynagogen in den Ländern der frühen Republik]. Warszawa 1999. Ð Für Rumänien: Aristide Streja/Lucian Schwarz: Sinagogi din Romania. Editura Hasefer o. O. ^ an/Janka Krivosova/Darina Kissova: Architektura syn ´ ´ 1996. Ð Für die Slowakei: Pavol Mest ´ ´ agog na Slovensku. Bratislava 2002. Ð Für Tschechien: Jiri Fiedler: Jewish Sights of Bohemia and ´ Moravia. Introduction by Arno Parik. Prague 1991; Samuel Gruber/Phyllis Meyer: Survey of ´ Historic Jewish Monuments in the Czech Republic. A Report to the United States Commission ´ for the Preservation of America's Heritage Abroad. New York 1994; Ð Für Ungarn: Aniko Gazda: Zsinagogag es zsido közegek Magyarorszagon: terkepek, rajzok, adatok [Synagogues and Jewish ´ ´ ´ ´ ´ Communities in Hungary: Maps, Data, Architectural Drawings]. Budapest 1991; Magyarorszagi ´ ´ ´ zsinagogak. Föszerkesztö [Hg.] Gerö Laszlo. Budapest 1989. Ð Für die Ukraine: Synahohy ´ ´ Ukrajiny. Visnyk Instytutu Ukrzachidproektrestavracjia 9: special'nyj vypusk [Synagogen der Ukraine. Informationsbulletin des westukrainischen Projektierungs- und Restaurierungsinstituts, Heft 9, Sonderausgabe]. Red. Ivan Mohytych/Vasyl' Slobodian. Avtory: Oksana Bojko, Darija Lonkevyc, Vasyl' Slobodian. L'viv 1998. Ð Allein für Frankreich und die Schweiz liegen bis heute keine Publikationen vor. Zwar existiert auch für Deutschland keine Publikation, die den gesamten Synagogenbau seit dem frühen Mittelalter zum Gegenstand hat, aber alle Epochen sind hier durch einzelne Werke abgedeckt. 3 Da die Lebensbedingungen und die sie umgebende Kultur im Osmanischen Reich, das neben Polen damals den zweiten Siedlungsschwerpunkt bildete, ganz andere als im christlich geprägten Europa waren, wird hier allein auf letzteres konzentriert. Zu den Niederlassungen und der Gesamtzahl der Juden vgl. Haim Hillel Ben-Sasson: Geschichte des jüdischen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3. Auflage des Gesamtwerks. München 1995, S. 770, 887. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. Bestandsaufnahme der Steinsynagogen4 und einer darauf aufbauenden vorläufigen Bewertung. Die Architektur der Synagoge beziehungsweise die Synagoge und ihre Architektur sind ein vor allem architekturgeschichtlich, aber auch allgemein-, religionsund ideengeschichtlich komplexer Stoff.5 Dabei ist unter anderem zu berücksichtigen, daß auch in der frühen Neuzeit Synagogen von christlichen Architekten im Auftrag jüdischer Bauherrenschaften errichtet werden. Das Ausmaß der Zusammenarbeit beider in der Konzeptfindungsphase scheint dabei in den einzelnen Fällen sehr unterschiedlich gewesen zu sein. Aufgrund der Komplexität des Stoffes und aufgrund seines hier gewählten Umfangs wird der Synagogenbau nur anhand folgender Kategorien, jeweils auf das wesentlichste beschränkt, beschrieben und untersucht: Erstens: Anzahl, Größe6 der überlieferten Synagogen und ihre Datierung, zweitens: Grundrißform des Haupt- respektive Männersaales, drittens: die mit dieser kombinierte Position von Bimah und Aron-Hakodesch, viertens: architektonische Lösungen für die Geschlechtertrennung und fünftens: die unterschiedlichen architektonischen Aufbauarten, die sich über der Grundrißform des Hauptsaales erheben. Bei der Position von Bimah (Almemor) und Aron-Hakodesch ist zwischen Sefardim und Aschkenasim zu unterscheiden.7 Architektureinheiten Die ältesten auch hinsichtlich ihrer Architektur überlieferten Holzsynagogen wurden um die Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet; für die Zeit davor bestehen nur schriftliche Hinweise auf ihre Existenz; vgl.: Piechotkowie, Boznice drewniane (wie Anm. 2), S. 38Ð42. Die ältesten überlieferten ´ bzw. erhaltenen Steinsynagogen stammen dagegen bereits aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts; vgl.: Piechotkowie, Boznice murowane (wie Anm. 2), S. 56ff. Ð Darüber hinaus würde eine Ein´ beziehung der Holzsynagogen den Rahmen dieser Untersuchung sprengen, da dann zusätzlich zwischen den beiden unterschiedlichen, jeweils ganz anderen Möglichkeiten und Zwängen unterliegenden Konstruktionsweisen zu unterscheiden wäre. 5 Vgl.: Richard Krautheimer: Mittelalterliche Synagogen. Berlin 1927, hier S. 11Ð26. Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. vi, xxxi. Salomon Korn: Synagogenarchitektur in Deutschland nach 1945. In: Die Architektur der Synagoge. Katolog der Ausstellung in Frankfurt am Main. Hg. von Hans-Peter Schwarz. Frankfurt am Main 1988. S. 287Ð 343, hier das Kapitel »Der synagogale Raumkonflikt«, S. 287Ð292. Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 15Ð28. Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 7Ð12. Harmen Thies: Synagogen Ð Idee und Bild. In: Aliza Cohen-Mushlin/Harmen Thies (Hg.): Synagogenarchitektur in Deutschland vom Barock zum >Neuen Bauen<. Braunschweig 2000, S. 10Ð20. 6 Bezüglich Größe wird meist von der des Haupt- bzw. Männersaales auszugehen sein, da dieser die architektonische Eigenschaft der jeweiligen Synagoge bestimmt und formt, Frauenbereiche sind in den überwiegenden Fällen angegliederte räumliche Untereinheiten. 7 In Synagogen des aschkenasischen Ritus wird die Bimah seit dem frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert in der Mitte des Raumes plaziert. In Synagogen des sefardischen und auch in denen des italienischen und levantinischen Ritus steht sie in der frühen Neuzeit an der dem Aron-Hakodesch gegenüberstehenden Wandseite bzw. mittig in der dem Aron-Hakodesch gegenüberliegenden Raumhälfte. Tobias Lamey wie Gliederungen usf. bleiben völlig unberücksichtigt.8 Weitere architektonische Eigenschaften, wie z. B. unterschiedliche Bimoth, Aron-Hakodesch', die Ausstattung der Synagogen, z. B. ihre Wandmalereien,9 als auch rituelle, liturgische, religiöse, philosophische Entwicklungen Ð mit Ausnahme der unterschiedlichen Anschauungen zur Position der Bimah Ð müssen völlig ausgeklammert bleiben. Als Grundlage dieses Versuches dienen nur Publikationen, die Synagogenbau länderübergreifend oder länderbezogen behandeln, die Vielzahl von Einzeluntersuchungen wird nur in ganz wenigen Ausnahmefällen herangezogen.10 Auch werden auf hebräisch geschriebene Bücher mit einer Ausnahme nicht berücksichtigt.11 Weiter werden, um die Ausführungen zu straffen, nicht die historischen, geopolitischen Namen Ð z. B. »Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation« Ð sondern allein geographische Ð z. B. »Deutschland« Ð benutzt.12 Trotz und wegen diesen Eingrenzungen können die folgenden Ausführungen nur ein Versuch der Annäherung an das Thema sein. Ausgehend von einer Übersicht der Länder und Gebiete, in denen Juden im 16. und 17. Jahrhundert überhaupt leben konnten und in denen deshalb Bedarf nach dem Bau von Synagogen bestand, wird in einem zweiten Schritt der Synagogenbau getrennt nach diesen Ländern und Gebieten beschrieben. Auf dieser Grundlage werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen geographischen Bereichen herausgearbeitet und Nachwirkungen benannt. Daraufhin wird auf die Entstehung ausgewählter neuer Merkmale eingegangen, um in einer Zusammenfassung zu einer vorläufigen Bewertung des neuzeitlichen Synagogen- Verweise auf Verbindungen der Synagogenarchitekturen zur übrigen europäischen Architektur werden nicht erläutert und belegt, bleiben damit thesenartig. 9 Vgl. dazu Andrzej Trzcinski: Zachowane wystroje malarskie boznic w Polsce [Erhaltene Auf´ ´ putzmalereien der Synagogen in Polen]. In: Studia Judaica. Krakow, Nr. 1Ð2 (7Ð8) 2001, S. 67Ð96. ´ 10 Keine der zur Verfügung stehenden Publikationen kann und will den Anspruch erheben, den Stoff jeweils vollständig erfaßt zu haben. Bezüglich des jeweiligen Forschungsstandes und der jeweils angewandten Methode sind große Unterschiede festzustellen. Diese Unterschiede machen auch die Notwendigkeit, einen »Index of Jewish Art« systematisch zu erstellen, wie es das Center for Jewish Art in Jerusalem unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Baugeschichte der Universität Braunschweig durchführt, deutlich. 11 Ich bin des Hebräischen nicht kundig. Ð Da Jacob Pinkerfeld: Bate-knesset beItaliah [The Synagogues of Italy]. Jerusalem 1954 immer noch das umfangreichste bildliche Material (Grundriß- und Schnittpläne, Fotografien) bezüglich dem italienischen Synagogenbau bietet und dieses Material glücklicherweise mittels lateinischer Schrift dem jeweiligen Ort und der jeweiligen Synagoge zuzuordnen ist, wird hier so vorgegangen, daß die nicht-bildlichen Informationen zu diesen italienischen Synagogen aus anderen Publikationen herangezogen werden. 12 Statt des für Polen historisch zutreffenden Namens »Rzeczpospolita Obojga Narodow« [»Die Re´ publik der beiden Völker«] wird »Polen« benutzt. »Die Republik der beiden Völker« bezieht sich auf die mit der Lubliner Union von 1567 endgültig vollzogenen Einheit des Königreichs Polen mit dem Großfürstentum Litauen, in der das Königreich dominierend blieb. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. baus im christlich geprägten Europa und der Stellung des polnischen Synagogenbaus in diesem Rahmen zu gelangen. 1. Jüdische Niederlassungen im 16. und 17. Jahrhundert In Europas Südwesten, Westen, Norden und Osten bestanden das ganze 16. und 17. Jahrhundert hindurch fast ausnahmslos keine jüdischen Niederlassungen: Aus Spanien waren die Juden 1492, aus Portugal 1497, aus Frankreich 1348, aus England 1290, und aus Rußland Ende des 15. Jahrhunderts vertrieben worden.13 Die Synagogen in diesen Ländern waren zerstört oder zweckentfremdet worden. In Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark bestanden im Mittelalter keine jüdischen Niederlassungen, und in der frühen Neuzeit wurde Juden die Einwanderung verwehrt.14 Ausnahmen in diesem geographischen Bereich bilden zum einen Gebiete in Südfrankreich, wo sich aber kein freies Gemeindeleben entfalten konnte.15 Zum anderen ließen sich in Nordwesteuropa ab dem Ende des 16. Jahrhunderts zuerst in den Welthandelsmetropolen Antwerpen und Amsterdam Juden sefardischer Herkunft nieder, später dann auch in Hamburg und den damals dänischen Städten Glücksstadt, Altona und in Kopenhagen selbst.16 In diesen Städten an der Nordseeküste entstanden im 17. Jahrhundert auch aschkenasische Gemeinden. Zum dritten war es ab 1659 Juden wieder gestattet, sich in England niederzulassen. In Italien war zwar die jüdische Niederlassung seit den antiken Zeiten nie abgebrochen, aber auch hier wurden sie am Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem Königreich Neapel und etwa 50 Jahre später aus dem Vatikanstaat Ð Rom selbst und Ancona bilden Ausnahmen Ð vertrieben.17 Im nördlichen Teil des Landes dagegen bestanden auch im 16. und 17. Jahrhundert viele jüdische Gemeinden.18 Aus Deutschland waren die Juden seit den Kreuzzügen immer wieder vertrieben worden. Zwar lebten im 16. und 17. Jahrhundert in vielen deutschen Städten Vgl. Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3): zu Spanien S. 698, zu Portugal S. 771, zu Frankreich S. 570, zu England S. 570, zu Rußland S. 699. 14 Vgl. Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Georg Herlitz und Bruno Kirschner. 2. Aufl. Königstein/Ts. 1982 (Nachdruck der 1. Auflage: Berlin 1927); zu Norwegen Bd IV/1, Sp. 522, zu Schweden Bd IV/2, Sp. 302, zu Finnland Bd II, Sp. 663, zu Dänemark Bd II, Sp. 20Ð23. 15 Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 96f. 16 Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 779f.; Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 97. Jüdisches Lexikon (wie Anm. 14), Bd II, Sp. 20. 17 Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 782, 815. 18 Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 100. Tobias Lamey einzelne Juden, ihre Gemeinden waren aber größtenteils im Zuge der Vertreibungen am Ende des 15. Jahrhunderts mit Ausnahme von z. B. denen in Frankfurt am Main und Fürth zerstört worden.19 Auch in Österreich gab es nach den Vertreibungen am Ende des 15. Jahrhunderts für Juden kaum mehr Lebensmöglichkeiten mit Ausnahme einiger Orte im Burgenland im 17. Jahrhundert und mit Ausnahme einer vorübergehenden Zeit in der Stadt Wien.20 Aus der Schweiz wurden sie ebenfalls Ende des 16. Jahrhunderts vertrieben.21 In Polen fanden vor allem die aus Deutschland fliehenden Juden seit dem Schutzbrief von Boleslaus dem Frommen aus Großpolen von 1264 und mit den Privilegien von Kasimir des Großen von 1364 und 1367 schon lange einen sicheren Lebensort.22 Im »Goldenen Zeitalter Polens« wurden solche Privilegien bestätigt und umfassend erweitert, so daß sich die Juden hier zwischen Posen und Kiew und zwischen Danzig und Lemberg eine einzigartige rechtliche und soziale Position erringen konnten.23 Auch in Böhmen und Mähren, wo Juden schon im Mittelalter siedelten, erhielten sie im 16. und 17. Jahrhundert Privilegien, die ihnen allerdings zwischen 1541 und 1567 entzogen worden waren.24 War es in Ungarn zu einer gewissen Blüte jüdischer Kultur gekommen, so wurde das Land nach der Schlacht von Mohacs im Jahre 1526 in der Zeit der türkischen Herrschaft und österreichischen Rückeroberungskriege verwüstet und entvölkert; erst Anfang des 18. Jahrhunderts kamen zusammen mit anderen Völkern wieder mehr und mehr Juden hierher.25 Dies gilt auch für die Slowakei, die damals zu Ungarn gehörte und wo nur einige kleine jüdische Gemeinden weiterexistieren konnten.26 Dagegen erfaßten diese kriegerischen Auseinandersetzungen Rumänien in geringerem Maße, so daß dort im 17. Jahrhundert an einzelnen Punkten jüdische Gemeinden entstanden.27 Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 704, 706, 768, 788, 797. Zum neuesten Forschungsstand über die Vertreibungen vgl. Jürgen Heyde: Jüdische Eliten in Polen zu Beginn der Frühen Neuzeit. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 13 (2003), H. 1, S. 117Ð165; hier S. 117, Anm. 2. 20 ´ Genee, Synagogen in Österreich (wie Anm. 2), S. 18, 46. 21 Jüdisches Lexikon (wie Anm. 14), Bd IV/2, Sp. 304. 22 Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 567, 710; Marian Fuks/Zygmunt Hoffman/Maurycy Horn/Jerzy Tomaszewski: Polnische Juden Ð Geschichte und Kultur. Warschau o. J. (poln. Erstausgabe 1982). S. 9f. 23 Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 800, auch S. 818Ð847. 24 Parik in Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia (wie Anm. 2), S. 12. ´ 25 Gazda, Zsinagogag es zsido közegek Magyarorszagon (wie Anm. 2), S. 236f. ´ ´ ´ ´ ´ 26 an/Krivosova/Kissova, Architektura synagog na Slovensku (wie Anm. 2), S. 10. ´ ´ Mest ´ ´ 27 Streja/Schwarz, Sinagogi din Romania (wie Anm. 2), S. 16. Ich bin Herrn Karl Silex aus Aachen ^ Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. Innerhalb all dieser Niederlassungen bildeten das nördliche Italien, einzelne Städte Nordwesteuropas, Böhmen-Mähren und Polen solche Zentren, in denen sich jüdisches Gemeindeleben längerfristig und sicher entfalten konnte. Damit war dort auch der Bedarf nach dem Bau von Synagogen gegeben. Ansonsten lebten einzelne Gemeinden in einigen Flecken und Städten in Deutschland, Österreich, der Slowakei und Rumänien; hier entwickelte sich nur ein marginaler Synagogenbau. Absolut überwiegend waren es aschkenasische Juden außer in den genannten nördlichen Welthandelsmetropolen, wo vor allem Juden sefardischer Herkunft lebten und in den Städten Italiens, wo sie nebeneinander Gemeinden der verschiedenen Richtungen bildeten.28 2. Der Synagogenbau in den einzelnen Ländern Der Synagogenbau dieser vier Zentren wird in der chronologischen Reihenfolge des jeweiligen Einsetzens beschrieben: nördliches Italien (1516), Böhmen-Mähren (1535), Polen (1550), Nordwesteuropa (1639). Daraufhin wird auf den marginalen Synagogenbau in den übrigen Ländern und Gebieten kurz eingegangen. Bezüglich der Ausrichtung der Synagogen wird folgende Vereinfachung vorgenommen: In vormittelalterlichen Zeiten wandte man sich beim Gebet in die Richtung Jerusalems, weshalb eine Synagoge möglichst in diese Richtung ausgerichtet und der Aron-Hakodesch entsprechend positioniert worden war. Seit dem Mittelalter wurden dann im westlichen und zentralen Europa Synagogen nach Osten ausgerichtet. Obwohl diese Ausrichtung aus städtebaulichen Gründen nicht immer umsetzbar war, wird im folgenden für eine bessere Vergleichbarkeit die Wand, an der der Aron-Hakodesch stand und in deren Richtung man sich beim Gebet wandte, immer als Ostwand und die übrigen Wände entsprechend als Süd- und Nordwand bzw. Westwand bezeichnet. Ost- und Westwand werden bisweilen auch als Stirnseiten und Süd- und Nordwand als Längsseiten bezeichnet. Tobias Lamey Norditalien In Italien bestanden zwischen 1500 und 1700 jüdische Gemeinden nur im nördlichen Teil und dort vor allem in den Städten in und um die Poebene. In der hier herangezogenen Literatur werden für 11 Orte Hinweise auf den Neubau von 25 Synagogen gegeben, sowie für weitere 5 Orte, an denen ebenfalls nicht näher bezeichnete Synagogen schon bestanden haben oder gebaut wurden.29 Davon sind allerdings nur 11 mit Planunterlagen publiziert, zu denen weitere 7 kommen, über die sich auf der Basis von Fotografien zumindest eine Vorstellung über ihre Gestaltung, teilweise auch ihrer Größe zu machen ist.30 Auf diese knapp 20 Synagogen stützen sich die folgenden Ausführungen. Der Bedarf nach neuen Synagogen war vor allem durch die Zwangsumsiedelung in die neuerdings zugewiesenen Ghettos (z. B. Venedig 1516, Rom 1555) verursacht worden.31 Aufgrund der äußerst beengten Verhältnisse entstanden vorwiegend Synagogen in Gebäuden im 1., 2. oder auch 3. Obergeschoß.32 Ein weiterer wichtiger Grund für diese Bauform war der Bedarf nach mehreren und kleineren Synagogen, da sich die jüdischen Einwohner in einer Stadt oft auf mehrere Gemeinden mit unterschiedlichen Riten aufteilten. Die Grundflächen der Haupt- bzw. Männersäle in Venedig zum Beispiel waren mit einer Ausnahme alle etwa 100 qm groß.33 Aber auch an Orten, wo nur eine oder zwei Synagogen gebaut wurden, waren sie nicht größer.34 Die Raumstruktur aller damals errichte29 Folgende Literatur wurde herangezogen: Pinkerfeld, Bate-knesset beItaliah (wie Anm. 11); Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1); George K. Loukomski: Jewish Art in European Synagogues. From the middle Ages to the eighteenth century. London, New York, Melbourne, Sydney, Cape Town 1947; Brian deBreffny: The Synagogue. New York 1978; Geoffrey Wigoder: The Story of the Synagogue. Tel Aviv 1986; Rivka Dorfman/Ben-Zion Dorfman: Synagogues without Jews Ð and the communities that built and used them. Philadelphia 2000. Ð Über die Gesamtzahl der damals genutzten Synagogen ist eine Angabe auf Basis dieser Literatur nicht möglich. 30 Vgl. die Planunterlagen bei Pinkerfeld, Bate-knesset beItaliah (wie Anm. 11) für die Synagogen in Padua (Sc. Italiana, Sc. Levantina), in Rom in der Cinque Scuole der Il Tempio, und in Venedig (Sc. Granda Tedesca, Sc. Canton, Sc. Levantina, Sc. Italiana, und Sc. Spagnola), und die später publizierten Planunterlagen und Baubeschreibungen bei Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1) für die Synagogen in Ankona (Sc. Levantina und Sc. Italiana) und in Casale Monferato. Ð Für die Synagogen in Carmagnola, in Genova (Tempio Vecchio), in Gorizia, in Padua (Sc. Granda Tedesca) und in Pesaro (Sc. Spagnola, Sc. Italiana) vgl. die Fotografien bei Dorfman, Synagogues without Jews (wie Anm. 29), Loukomski, Jewish Art in European Synagogues (wie Anm. 29) und Pinkerfield, Bate-knesset beItaliah (wie Anm. 11). 31 Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 100, 105. Nur in Livorno gab es nie ein Ghetto. 32 Ebd., S. 105. Künzl bezeichnet deshalb diese Synagogen als »Saalbauten«. 33 Die Scuola Granda Tedesca besaß 101 qm Hauptsaalfläche, die Scuola Canton 93 qm, die Scuola Levantina 123 qm, die Scuola italiana 91 qm, die Scuola Spagnola 255 qm Ð alle maßstäblichen Grundrisse bei Pinkerfeld, Bate-knesset beItaliah (wie Anm. 11). Addiert wurden damals im 16. Jahrhundert in Venedig ca 670 qm Synagogenhauptsaalfläche errichtet bzw. eingerichtet. 34 Auf der Basis der Planunterlagen von Pinkerfeld, Bate-knesset beItaliah (wie Anm. 11) und Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. ten Synagogen baute auf einem längsrechteckigen Grundriß auf und besaß keine Stützen.35 In welcher Verbindung diese Grundrißform zu Traditionen des Mittelalters stand, kann nur noch ungenau erfaßt werden.36 Der kleine Ausschnitt der aus diesen Zeiten überlieferten Synagogen weist längsrechteckige und quadratische Grundrißformen zu etwa gleichen Teilen auf.37 In Norditalien war mit dieser längsrechteckigen Grundrißform meist das sogenannte Zwei-Pol-Schema38 von Aron-Hakodesch und Bimah kombiniert: diese beiden den Synagogenraum konstituierenden Funktionseinheiten standen sich hier in den Synagogen des sefardischen, italienischen und levantinischen Ritus an den zwei kürzeren Seiten des Raumes lokalisiert gegenüber. Bereits im Mittelalter hatte sich dieses Schema in Süditalien und auf der iberischen Halbinsel entwickelt und wurde nun hier in Norditalien übernommen.39 Der Verbindungsachse zwischen Aron-Hakodesch und Bimah entsprach die Längsachse der Grundrißform.40 In einigen wenigen Fällen war die Bimah in einer eigenständigen Raumeinheit, die mit dem Saal durch große Öffnungen verbunden und auf ihn orientiert war, ausgebildet worden.41 In den Synagogen des aschkenasischen Ritus galt Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1) lassen sich folgende Größen errechnen: in Ancona: Scuola levantina = 94 qm, Scuola italiana = 78 qm, in Casale Monferato = 132 qm, in Padua: Scuola italiana = 128 qm, Scuola levantina = 67 qm, in Rom ist von den dortigen fünf, in einem Gebäude untergebrachten Synagogen nur der Grundriß von Il Tempio = 250 qm bekannt. 35 Allein die Scuola Italiana in Venedig besaß einen quadratischen, ebenfalls stützenlosen Grundriß. 36 Nach den Vertreibungen aus Süditalien und von der iberischen Halbinsel waren die Vielzahl der Synagogen umgenutzt, umgebaut oder abgerissen worden. Vgl. Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 46, 51. 37 Auf der Grundlage von Noemi Cassuto: The Italian Synagogue through the Ages. In: Dorfman, Synagogues without Jews (wie Anm. 29), S. 300Ð307, Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), und Wigoder, The Story of the Synagogue (wie Anm. 29) läßt sich festhalten: einen längsrechteckigen Grundriß besaßen beide Synagogen in Toledo, die in Segovia und eine der beiden in Trani; einen quadratischen Grundriß besaßen die Synagogen in Cordoba, in Tomar und in Palermo; als Zentralbau war die zweite der beiden in Trani ausgebildet. 38 Vgl. dazu v. a. Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 59ff., v. a. S. 67, auch S. 38f. 39 Cassuto, The Italian Synagogue through the Ages (wie Anm. 37), S. 301; Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 51f. 40 Eine interessante Ausnahme bilden die beiden Synagogen in Padua, Scuola Levantina und Scuola Italiana, wo Aron-Hakodesch und Bimah mittig an den Längsseiten des Raumes angebracht waren und sich so ganz nah gegenüberstanden. 41 So in Venedig in der Scuola Italiana und in der Scuola Canton, in Pesaro in der Scuola spagnola. Hannelore Künzl hat deshalb die These entwickelt (Künzl, Jüdische Kunst [wie Anm. 1], S. 103), daß hier eine Vereinigung von Bimah mit der Gesamtarchitektur des Synagogensaales stattgefunden habe. Die Bimah stand aber bei den genannten Beispielen immer als eigenständiges Möbel zwischen dem Hauptsaal und diesem Raumannex. Auch die von ihr weiter angeführte Gestaltung der Bimah in der Scuola levantina in Venedig ist meiner Meinung nach alleine als besondere Innenarchitektur zu sehen. Alle Beispiele beeinflußten nicht wesentlich die Gesamtstruktur des Hauptsaales. Tobias Lamey dagegen das Prinzip, daß die Bimah als kleines, balustriertes Podium Ð eventuell mit einer durchsichtigen »Dach«-Konstruktion, die einer Krone gleichen konnte, abgedeckt Ð in der Mitte des Raumes aufgestellt war.42 Der Aron-Hakodesch wurde wie bei den anderen Synagogen auch an der Ostseite des Raumes lokalisiert (Abb. 1/1).43 Unabhängig vom Ritus war manchmal dort, wo die Bimah oder der AronHakodesch positioniert war, eine Nische in der Wand ausgebildet, die nach außen in der Fassade als Erker in Erscheinung trat. So wenig diese Synagogen aber insgesamt nach außen in Erscheinung traten bzw. oft als solche von außen nicht erkennbar waren, so prachtvoll war ihr Inneres im Stil der Zeit ausgestattet. Die Geschlechtertrennung war Ð soweit überliefert Ð derart ausgeführt, daß eigene Frauenbereiche in Nebenräumen meistens auf einem höheren Niveau als der Haupt- bzw. Männersaal eingerichtet waren und diese mit ihm durch vergitterte Öffnungen verbunden waren. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts entstand eine besondere, neuartige Form der Geschlechtertrennung: in den oberen Bereich des Haupt- bzw. Männersaales wurde knapp unter der Decke eine den ganzen Raum umlaufende Galerie für die Frauen eingefügt (Abb. 1/2).44 Trotz der zeitgenössischen prächtigen Innenausstattung verblieb der norditalienische Synagogenbau der frühen Neuzeit mit Ausnahme der umlaufenden Frauengalerie im wesentlichen im Rahmen überkommener Traditionen. Böhmen und Mähren Die Beschreibung des Synagogenbaus in Böhmen und Mähren stützt sich vor allem auf das Guide Book von Jiri Fiedler45 und Angaben von Dr. Arno Parik, ´ ´ Ausstellungskurator des Jüdischen Museums in Prag.46 Publikationen, die den Synagogenbau in der Tschechischen Republik behandeln, fehlen, ansonsten exi42 Die Synagogen in Casale Monferato, in Carmagnola und in Venedig die Sc. Granda Tedesca besaßen ursprünglich eine zentral aufgestellte Bimah. 43 Für die vier Zentren des Synagogenbaus wurden schematische Darstellungen der jeweiligen Typen und der besonderen Einzelbeispiele auf der Grundlage der bei der Beschreibung genannten Literatur erarbeitet. Aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit werden alle Grundrisse ge-ostet. 44 So in den Hauptsaal der Scuola Granda Tedesca und in der Scuola Spagnola in Venedig. Vgl. dazu Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 377, 379f.; auch Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 103. 45 Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia (wie Anm. 2). Fiedler nennt zu 137 (!) Orten und Ortschaften die Bevölkerungsentwicklung und Besonderheiten der jeweiligen jüdischen Gemeinde, das Alter und die Lage der Friedhöfe und die Baudaten der Synagogen, kann und will aber aufgrund der Zielsetzung nur wenige ihrer architektonischen Merkmale liefern. 46 Ich möchte an dieser Stelle meinen herzlichen Dank an Dr. Arno Parik vom Jüdischen Museum in ´ Prag ausdrücken, der mich mit seinen Hinweisen und Angaben sehr unterstützte. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. Zwar sind in fast jeder Publikation über den Synagogenbau in Europa bestimmte Synagogen in Prag behandelt, aber über Synagogen in den anderen Städten und Ortschaften Böhmen-Mährens liegt nichts vor. Gruber/Meyer, Survey of Historic Jewish Monuments in the Czech Republic (wie Anm. 2) basiert bezüglich Synagogenbau ausschließlich auf Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia (wie Anm. 2) und liefert keine zusätzlichen Fakten. Ð Zu den Einzeluntersuchungen vgl. die Literaturübersicht bei Dorfman, Synagogues without Jews (wie Anm. 29), S. 337Ð339. 48 Bei diesen Angaben ist zu beachten, daß darunter auch Holzsynagogen sind. Wie hoch die Dunkelziffer zu schätzen ist, ist ebenso offen. 49 Zusätzlich zu Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia (wie Anm. 2) wurde Dorfman, Synagogues without Jews (wie Anm. 29), und Loukomski, Jewish Art in European Synagogues (wie Anm. 29) herangezogen. Auf dieser Grundlage liegt für die Synagogen in Boskovice (1658), Dolni Kounice (Mitte des 17. Jhs), Holesov (1560), Kojetin (vor 1614), Kolin (1696), Lipnik nad ´ ´ ´ ´ Becvou (1540), Mikulov (1550), Novy Bydzow (1586), Polna (2. Hälfte des 17. Jhs), Rousinov ´ ´ ´ (1591), weiter für die »Alte« Synagoge in Trebic (1642 oder Anfang des 18. Jhs) und für die »Neue« ´ Synagoge in Trebic (Anfang des 17. Jhs oder 1737) bildliches Material (Pläne, Fotografien, Zeich ´ nungen) vor. 50 Die drei im ursprünglichen Zustand erhaltenen Synagogen sind die in Boskovice, in Kolin und in ´ Lipnik nad Becvou. Die übrigen sind im 18. Jahrhundert umgebaut worden, wobei davon auszuge´ hen ist, daß dabei ihre alte Grundmauern wiederbenutzt wurden. 51 Unter den drei bedeutendsten zweischiffigen Synagogen des Mittelalters Ð den Synagogen in Worms (11. Jh.), in Prag (Ende 13. Jh.) und Krakau (Ende 15. Jh.) Ð ist die in Prag mit ihren 112 qm Hauptsaalfläche deutlich kleiner als die in Worms, deren Hauptsaal 138 qm groß ist oder gar die in Krakau, deren Hauptsaal 206 qm mißt; Berechnungen für Worms und Prag auf der Basis der Grundrisse bei Krautheimer, Mittelalterliche Synagogen (wie Anm. 5), S. 151, 200, für Krakau auf Basis der Grundrisse bei Piechotkowie, Boznice murowane (wie Anm. 2), S. 36. Ð Für die ´ Flächenberechnung der Pinkas-Synagoge vergleiche den Grundriß bei: Hannelore Künzl: Europäischer Synagogenbau vom 16. bis 18. Jahrhundert. In: Die Architektur der Synagoge (wie Anm. 5). S. 89Ð114, hier S. 107f. Die Flächenberechnung der Hohen beruht auf einem Aufmaß von ´ Herrn Parik. Zu den Prager Synagogen vgl. auch: Arno Parik: Les Synagogues de Prague; Zi´ dovske muzeum v Praze, 2000. ´ Tobias Lamey unterlagen gestützte Aussagen nur für die 1550 errichtete in Mikulov52 und für die »Neue« Synagoge in Trebic mit ihren 115 qm bzw. 90 qm machen.53 Die ´ Größe der übrigen ist auf der Grundlage von Fotografien und Zeichnungen zu schätzen und dürfte in der Mehrzahl der Fälle weniger als 100 qm betragen haben.54 Die hier angewandten Grundrißformen stehen ganz im Zeichen der Tradition: Im mittelalterlichen aschkenasischen Synagogenbau wurde deutlich überwiegend die längsrechteckige Grundrißform angewandt, die quadratische kam nur in einigen wenigen Fällen zu Ausführung.55 Dieses Verhältnis setzt sich in BöhmenMähren in der frühen Neuzeit fort.56 Auf den längsrechteckigen Grundrissen wurden einfache, stützenlose, meist tonnengewölbte Säle errichtet. Damit kombiniert wurde die für das aschkenasische Judentum verbindliche, zentrale Plazierung der Bimah in der Raummitte, der Aron-Hakodesch stand mittig an der Ostwand (Abb. 2/1, 2/2). Die Geschlechtertrennung wurde architektonisch meist derart gelöst, daß Frauenbereiche Ð z. T. wohl auch erst einige Zeit nach Errichtung des Hauptsaales Ð mit vergitterten Öffnungen zum Männersaal hin an dessen Längsseiten oder an der Westseite Ð dort dann über dem Vorraum Ð eingerichtet wurden. Ausnahmen hinsichtlich Größe und Aufbau bilden folgende Synagogen: die als dreischiffige Anlage 1595 erstmals eröffnete Meysel-Synagoge in Prag besaß damals möglicherweise eine Gesamtgrundfläche von etwa 380 qm, wovon das Mittelschiff etwa 220 qm ausmachte.57 Aufgrund der Pfeilerstellung ist zu vermu52 Hier war seit dem 16. Jahrhundert der Sitz des Landesrabiners für Mähren, nachdem Juden aus der mährischen Hauptstadt Brünn 1454 vertrieben worden waren; vgl. Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia (wie Anm. 2), S. 114 und 49. 53 Für Mikulov vgl. Grundriß bei Loukomski, Jewish Art in European Synagogues (wie Anm. 29), S. 98; für Trebic vgl. Grundriß bei Dorfman, Synagogues without Jews (wie Anm. 29), S. 164; ´ letzterer ist falsch vermaßt, weswegen die Berechnung unter der Annahme der Mauerdicke von 1 m erfolgte. 54 Auf der Basis der Zeichnungen und Fotografien dürften die Hauptsäle folgende Größen besitzen: Boskovice: ca. 100 qm, Dolni Kounice: max. 100 qm, Holesov: max. 100 qm, Kojetin: max. 120 qm, ´ ´ Kolin: max. 100 qm, Lipnik nad Becvou: ca. 100 qm, Novy Bydzow: max. 96 qm, Polna: max. ´ ´ ´ ´ 80 qm, Rousinov: ca. 100 qm, und »Alte« Synagoge Trebic: max. 80 qm. ´ ´ 55 Vgl. Simon Paulus: Synagogenarchitektur im Mittelalter und der frühen Neuzeit. In: Synagogenarchitektur in Deutschland vom Barock zum >Neuen Bauen< (wie Anm. 5), S. 24Ð28, hier S. 25. 56 Nur die »Hohe« in Prag, die in Mikulov, die »Alte« in Trebic und die in Polna besaßen bzw. ´ ´ besitzen einen annähernd quadratischen Grundriß. 57 Vgl. Alfred Grotte: Beiträge zur Entwicklung des Synagogenbaues in Deutschland, Böhmen und im ehemaligen Königtum Polen vom XI. bis Anfang des XIX. Jahrhunderts. Berlin 1915; S. 32f., Grundriß und Schnitt S. 28. Grotte stellt auf der Grundlage einer zeitgenössischen Beschreibung, wonach das Gebäude bei der Eröffnung auf 20 Pfeilern ruhte, und aufgrund der Feststellung, daß das Gebäude zu seiner Zeit nur 12 Pfeiler besaß, die begründete Hypothese auf, daß diese Synagoge einst deutlich größer war. Nach seiner zeichnerischen Rekonstruktion besaß die Synagoge ursprünglich eine Gesamtfläche von ca. 380 qm. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. ten, daß das Gebäude damals wie eine Basilika aufgebaut war. Nach dem Brand 1689 wurde sie wahrscheinlich verkürzt wiederaufgebaut, und es wurden wohl erst dann die Emporen für Frauen über den Seitenschiffen eingerichtet, so daß sie den heutigen, einer Emporenbasilika ähnlichen Aufbau erhielt (Abb. 2/3).58 Hinsichtlich Größe hob sich auch die 1696 fertiggestellte Klausen-Synagoge mit ihrem Hauptsaal von schätzungsweise 250 qm von den übrigen ab.59 Ð Obwohl in Böhmen-Mähren die längsrechteckige Grundrißform überwog, stellt die Hohe Synagoge in Prag das älteste überlieferte Beispiel dar, dessen annähernd quadratischer Grundriß mit einem Klostergewölbe eingedeckt worden war: ein solches steigt von allen vier Seiten des Raumes zur Mitte hin an und hat so seinen höchsten Punkt über der Mitte des Raumes, die dadurch betont wird. Der böhmisch-mährische Synagogenbau der frühen Neuzeit bleibt bezüglich Größe, Grundrißformen und Aufbaustruktur den aschkenasischen Traditionen verhaftet. Der vermutlich basilikale Aufbau der Meysel-Synagoge findet keinen Nachfolger, die Aufbaustruktur der Hohen Synagoge verallgemeinert sich nicht hier, sondern in Polen. Polen Am Anfang des 16. Jahrhunderts lebten in Polen etwa 28Ð30.000 Juden. Ihre Zahl wuchs auch aufgrund der Flüchtlinge vor den Verfolgungen im Zuge der Reformation und später des Dreißigjährigen Krieges auf etwa 150.000 in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an, um sich dann auf etwa 450Ð500.000 in der Mitte des 17. Jahrhunderts zu steigern. Das waren etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung in Polen, bzw. etwa die Hälfte aller damals lebenden Juden.60 Vgl. ebd., S. 20, 28. Daß damals in den böhmischen und mährischen Landen viele kleine Synagogen gebaut wurden und in Prag z. T. große, korrespondiert auch mit nur sehr grob anstellbaren Schätzungen zur jüdischen Bevölkerungsentwicklung, wonach erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Zahl der außerhalb ´ Prags in Böhmen (!) lebenden Juden die der dort lebenden überstieg. Vgl. Introduction von Parik in Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia (wie Anm. 2), S. 15, 16. Parik führt dort weiter ´ aus, daß innerhalb des 17. Jahrhunderts die jüdische Bevölkerung in Prag von etwa 6.000 auf 11.500 stieg, und am Ende des Jahrhunderts 1/3 der gesamten jüdischen Bevölkerung in Böhmen ausmachte. 60 Zur Bevölkerungsentwicklung in Polen vgl.: Piechotkowie, Boznice murowane (wie Anm. 2), ´ S. 55, 112, 42; auch Jacob Goldberg: Metropolen und Zentren der Judenschaft in Polen. In: Evamaria Engel/Karen Lambrecht/Hanna Nogossek (Hg.): Metropolen im Wandel Ð Zentralität in Ostmitteleuropa an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Berlin 1995, S. 135Ð144, hier S. 135. Goldberg führt dort aus, daß im 16. Jahrhundert Juden etwa 10 % der Stadtbevölkerung, in der Mitte des 17. Jahrhunderts bereits mehr als 20 % ausmachten. Weiter führt Goldberg dort aus, daß nach den Massenmorden im Zuge des Chmielnitzki-Aufstandes 1648 die Bevölkerungszahl abnahm, es setzte auch eine Fluchtbewegung Richtung Westen ein, aber dank anhaltender Wanderungswellen und der Fertilität wuchs die Zahl der Juden in Polen bis zum Ende des 18. Jahrhun- Tobias Lamey Die Voraussetzung für die wachsende Niederlassung in Polen und das Bevölkerungswachstum waren die den Juden damals dort gewährte existenzsichernde Autonomie. Ausdruck dieser Autonomie ist der seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts für etwa 200 Jahre bestehende jüdische Vier-Länder-Rat. Jacob Goldberg führt dazu aus: »Die jüdischen Sejms in der Republik waren in einem um vieles größeren Gebiet und auf einem bedeutend höheren Niveau tätig als die jüdischen Provinz-Selbstverwaltungsorgane in anderen Ländern Europas.«61 Wie viele Synagogen im interessierenden Zeitraum gebaut oder genutzt wurden ist schwer zu schätzen.62 In der hier herangezogenen Literatur sind allein von über 45 zwischen 1550 und 1700 errichteten Synagogen Planunterlagen bzw. architektonische Baubeschreibungen publiziert.63 Obwohl Polen schon im Mittelalter als sicherer Ort galt, ist aus dieser Zeit nur die »Alte« Synagoge in Krakau-Kazimierz vom Ende des 15. Jahrhunderts überliefert und erhalten.64 Der polnische Synagogenbau der Neuzeit setzt um die Mitte des 16. Jahrhunderts derts auf fast eine Million. Ð Zur Bevölkerungsentwicklung des gesamten jüdischen Volkes an der Mitte des 17. Jahrhunderts vgl.: Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 887. 61 Jakub Goldberg: Zydowski Sejm Czterech Ziem w spolecznym i politycznym ustroju dawnej Rzeczypospolitej [Der jüdische Vier-Länder-Rat in der gesellschaftlichen und politischen Struktur der frühen Republik]. In: Zydzi w dawnej Rzeczypospolitej. Materialy z konferencji »Autonomia ´ Zydow w Rzeczypospolitej szlacheckiej« [Juden in der frühen Republik. Materialien der Konferenz: »Die Autonomie der Juden in der Adelsrepublik«]. 22Ð26 IX 1986. Redakcja Naukowa: ´ Andrzej Link-Lenczowski/Tomasz Polanski. Wroclaw, Warszawa, Krakow 1991, S. 44Ð58; hier ´ S. 44. 62 Bergman/Jagielski, Zachowane synagogi i domy modlitwy w Polsce (wie Anm. 2), S. 7 führen aus: »[. . .] auf dem Territorium der II. Republik [das ist der 1918 wiedergegründete polnische Staat, dessen Gebiet kleiner als das hier interessierende war; Anm. TL] gab es etwa 1500 Orte, in denen über 100 Juden wohnten; dies deckt sich in hohem Maße mit der Zahl der jüdischen Gemeinden, die in der Mehrheit seit dem 14.Ð16. Jahrhundert existierten; [. . .].« Wie viele Gemeinden eigenständige Synagogengebäude hatten und wie groß der Anteil der Steinsynagogen daran war, ist offen. 63 Davon allein 35 bei Piechotkowie, Boznice murowane (wie Anm. 2), weitere 5 bei Bergman/ ´ Jagielski, Zachowane synagogi i domy modlitwy w Polsce (wie Anm. 2), und zusätzliche 5 in Synahohy Ukrajiny (wie Anm. 2). Ð Vor allem die ersten beiden Publikationen stützen sich auf ein Jahrhundert polnischer Forschungen von unterschiedlichen Wissenschaftlern und Institutionen. Ð Da das Werk vom Ehepaar Maria und Kazimierz Piechotkowie so umfassend und fundamental ist, basieren die folgenden Ausführungen vor allem darauf. Allein Ausführungen, die sich nicht darauf stützen, werden belegt. Ð Hinsichtlich ihres architektonischen Informationsgehalts heben sich die polnischen Planunterlagen und Baubeschreibungen deutlich von den hier herangezogenen anderer Länder ab. 64 Möglicherweise entstand 1440 in Wilna eine zweischiffige Synagoge, deren Aron-Hakodesch an der Längsseite angebracht war. Auf jeden Fall wurde diese »Klaus« im 18. Jahrhundert grundlegend gestalterisch verändert. Vgl. Rachel Wischnitzer: Mutual Influences between eastern and western Europe in Synagogue Architecture from the 12th to the 18th century. In: The Synagogue: Studies in origins, archaeology and architecture. Selected with a Prolegomenon by Joseph Gutmann. New York 1975, S. 265Ð308, hier S. 281f. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. ein Ð aus der Zeit davor sind nur Hinweise auf Holzsynagogen65 überliefert Ð und hat hundert Jahre später seine Grundlinien entwickelt und konsolidiert. Darüber informieren die Planunterlagen von etwa 30 Synagogen. Auf dieser Grundlage läßt sich bezüglich der Größe der Synagogen feststellen, daß zwischen 1570 und 1630 entweder kleinere Synagogen mit etwa 100 qm Hauptsaalfläche oder größere mit etwa 200 qm Hauptsaalfläche gebaut werden. Ab 1630 werden erstmals im aschkenasischen Bereich zusätzlich wesentlich größere Synagogen Ð mit etwa 400 qm Hauptsaalfläche Ð gebaut.66 Hinsichtlich der Grundrißformen des Hauptsaales stirbt die mittelalterliche aschkenasische Tradition ab und wird durch die neuzeitliche ersetzt: Wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts der längsrechteckige Grundriß noch knapp überwiegend gegenüber dem annähernd quadratischen angewandt, so hat sich ab etwa 1600 die Anwendung des annähernd quadratischen durchgesetzt. Dies gilt unabhängig davon, ob er innere Unterstützungen hatte oder nicht. Der längsrechteckige Grundriß wird in der Folgezeit nur noch in einigen wenigen Ausnahmefällen angewandt.67 In allen damals in Polen errichteten Synagogen ist die Bimah in der Mitte des Hauptsaales plaziert worden.68 Mit der zeitgemäßen Formensprache der Renaissance entwickelten sich drei verschiedene architektonische Aufbauarten des Männersaales: die überkommenen stützenlosen Säle, die Säle mit Stütz-Bimah Ð bisher in der Baugeschichte meist als Säle mit »Vier-Pfeiler-Tabernakel« beschrieben Ð und die sogenannten neunfeldrigen Saalstrukturen. Die stützenlosen Säle wurden mit Tonnen-, Kloster- und Muldengewölben überdeckt; dabei verallgemeinert sich hier u. a. auch die Aufbaustruktur der Hohen Synagoge in Prag (Abb. 3/1).69 Mit der hier entstehenden Die Mehrzahl der im folgenden genannten Steinsynagogen wurde an der Stelle älterer Holzsynagogen errichtet. 66 So die Synagogen in Lemberg, Ostrog, Wilna, Pinsk und Tykocin (alle zwischen 1630 und 1642). ´ ´ Aus der Zeit zwischen den Jahren 1550 und 1650 sind insgesamt über 5100 qm Hauptsaalfläche von Steinsynagogen überliefert. 67 Von den zwischen 1550 und 1600 errichteten Synagogen besitzen bzw. besaßen eine längsrechteckige Grundrißform die in Szydlow (um 1550), die Rema-Synagoge in Krakau (ab 1554), die ´ »Hohe« in Krakau (1556Ð1563), die in Gniezno (1582), die »Alte« in Posen (nach 1582) und die in Przemysl (um 1592). Einen annähernd quadratischen Grundriß besaßen die TaZ-Synagoge in ´ Lemberg und höchstwahrscheinlich die Maharschal-Synagoge in Lublin (nach 1567) und die in Brzesc nad Bugiem bzw. Brest (Ende des 16. Jahrhunderts). Von den 21 überlieferten zwischen ´´ 1600 und 1650 errichteten Synagogen besaßen bzw. besitzen dann nur noch 5 einen längsrechteckigen Grundriß. 68 Paradoxerweise besaß auch die unter sefardischer Ägide 1610Ð1620 errichtete Synagoge in Zamosc ´´ eine in der Mitte des Raumes aufgestellte Bimah. 69 Mit Tonnengewölben wurden z. B. die Rema-Synagoge in Krakau und die in Pinczow ausgestattet, ´ ´ mit Muldengewölben die in Szydlow und Checiny, mit Klostergewölben die TaZ-Synagoge in ´ Lemberg und die in Zamosc, Szczebrzeszyn und Tomaszow Lubelski. Dieser Aufbau verbreitet ´´ ´ sich anfangs vor allem in Klein- und Großpolen, auch Masowien; ab 1650 ist er überall zu finden. Tobias Lamey Stütz-Bimah-Architektur vollzieht sich ein Sprung von der Bimah als »Möbel« zur Bimah als mit der Gesamtarchitektur untrennbar verbundenem Element: Auf dem in der Mitte des Saales plazierten, quadratischen Bimah-Podium werden in dessen Ecken vier Säulen aufgestellt, die mit Rundbögen auf deren vier Kapitellen verbunden werden. Diese vier Rundbögen sind Bestandteil eines vierseitigen Wandblocks, der mit einem horizontalen Gesims nach oben hin abgeschlossen wird. Auf diesem »Bock« lastet das von den vier Wänden des Saales jeweils zu dieser Stütz-Bimah spannende Gewölbe, das meist aus vier in den Eckbereichen gekreuzten Tonnengewölben besteht (Abb. 3/2).70 Der architektonische Aufbau der Synagogen mit Stütz-Bimah ist im Rahmen der nachantiken europäischen Architekturgeschichte der einzige, der nur für den Bau von Synagogen entwickelt wurde und nur dort angewandt wurde. Darauf wird noch unter (4) eingegangen. Von dieser Aufbaustruktur ist die neunfeldrige strikt zu trennen: Hier stehen vier Pfeiler auf den Kreuzungspunkten der neun dem quadratischen Grundriß einschreibbaren Quadrate. Das Gewölbe wird aus neun gleich hohen, den neun Grundrißquadraten entsprechenden Einheiten gebildet (Abb. 3/3). Ð Die neunfeldrige Aufbaustruktur und die mit Stütz-Bimah unterscheiden sich folgendermaßen: Zum einen ist die Bimah bei der neunfeldrigen wieder ein in der Mitte des Saales frei aufgestelltes Podium. Zum zweiten entsteht bei der neunfeldrigen der Raumeindruck einer gleichmäßig aufgebauten Halle. Zum dritten erfährt das mittlere Feld bei dieser Aufbaustruktur keinerlei Betonung im Gegensatz zum Aufbau mit Stütz-Bimah, wo die Bimah als Architekturelement in der Mitte des Saales steht und zugleich mit der Gesamtarchitektur untrennbar verbunden ist. Und zum vierten ist das im Grundriß von der Stütz-Bimah gebildete Quadrat kleiner als die restlichen acht dem Grundriß einschreibbaren Quadrate bzw. Rechtecke, während bei den neunfeldrigen das mittlere genauso groß wie die anderen acht ist.71 Tauchen die Aufbaustrukturen mit Stütz-Bimah ab etwa 1570 auf und entwickelt sich um 1640 eine zweite Variante v. a. bezüglich der inneren Gestaltung der Stütz-Bimah, so entstehen die neunfeldrigen ab etwa 1630.72 Mit Der Begriff »Stütz-Bimah« ist eine direkte Übersetzung aus dem Polnischen (»bima-podpora«) und stammt von Maria und Kazimierz Piechotkowie. Er trifft den Sachverhalt besser als z. B. »VierPfeiler-Tabernakel«, da unter Tabernakel auch freistehende Architektureinheiten in Räumen zu verstehen sind. 71 Auch hier ist es der Verdienst von Maria und Kazimierz Piechotkowie sowie von Eleonora Bergman und Jan Jagielski die beiden Raumstrukturen sauber getrennt zu haben. In der Literatur über europäischen Synagogenbau sind diese beiden Aufbauarten immer wieder vermengt worden: Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 118f., Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 83Ð85, Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 20, 55f. 72 Die ersten Synagogen mit Stütz-Bimah sind höchstwahrscheinlich die Maharshal-Schul in Lublin (nach 1567) und die Synagoge in Brzesc nad Bugiem bzw. Brest (2. Hälfte des 16. Jahrhunderts). ´´ Die älteste, auch hinsichtlich ihrer Architektur überlieferte Synagoge war die in Przemysl (um ´ 1592). Diese und weitere folgende Beispiele entstanden vor allem in Kleinpolen. Ð Synagogen mit Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. diesen drei verschiedenen Aufbaustrukturen wird im polnischen Synagogenbau erstmals in der Neuzeit eine ganze Typologie im Gegensatz zum sonst vorherrschenden einzelnen Typ entfaltet. Das Verhältnis von Frauen- zu Männerbereich wurde auf dreierlei Weise gelöst: Zum einen wurden an den Hauptsaal, mit ihm durch vergitterte Fensteröffnungen verbunden, niedrigere Frauenräume auf gleichem Fußbodenniveau angegliedert. Meistens geschah dies wohl erst, als der Hauptsaal bereits fertiggestellt war und schon benutzt wurde.73 Zum zweiten wurden solche niedrigeren Frauenräume über den westlichen Vorräumen des Hauptsaals errichtet. Auch dies geschah bisweilen nachträglich.74 Und zum dritten wurde Ð dies bildete allerdings eine Ausnahme Ð über dem Vestibül an der Westseite des Hauptsaales eine zu ihm hin offene Galerie eingerichtet, so daß das Gewölbe, das von der Ostwand bis zur westlichen Rückwand der Galerie reichte, diese in den Gesamtraum integrierte (Abb. 3/4).75 Etwa 1570 erhält die mittelalterliche »Alte« Synagoge in Krakau-Kazimierz wie viele andere vor allem weltliche Bauten in Polen eine sogenannte »polnische Attika«: Auf ihre Außenwände wird oberhalb der Traufe ein vierseitiger Wandkranz aufgesetzt, hinter dem das Dach versteckt wird und der mit Blendnischen gegliedert ist. Solch eine »polnische Attika« erhalten die meisten der dann errichteten Synagogen von Anfang an.76 Ð Obwohl diese polnischen Synagogen aufder zweiten Variante der Gestaltung der Stütz-Bimah waren die in

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Nowogrodek, Pinsk, Slonim, ´ ´ Tykocin, alle etwa 1640 gebaut. Diese Beispiele entstanden östlich von Warschau, im Grenzgebiet zwischen Masowien und dem Großfürstentum Litauen. Ð Die ersten Synagogen mit neunfeldriger Aufbaustruktur sind die in Lemberg (1632) und in Ostrog (zwischen 1630 und 1640) Ð beide liegen ´ in Rotreußen Ð und die in Wilna (1633). Laut Synahohy Ukrajiny (wie Anm. 2), S. 168f. war die Synagoge in Szarogrod bereits 1589 mit solch einer neunfeldrigen Aufbaustruktur errichtet worden. ´ Hinzuweisen ist hier darauf, daß sich die neunfeldrige Aufbaustruktur von Synagogen nur unwesentlich von der damals in Rotreußen weitverbreiteten neunfeldrigen für römisch-katholische und v. a. für griechisch-orthodoxe Kirchen Ð bei letzterer ist die byzantinische Tradition zu berücksichtigen Ð unterscheidet. 73 Die nachträgliche Angliederung ist z. B. für die Synagoge in Zamosc gesichert. ´´ 74 Für die erste Variante stehen z. B. die Synagogen in Pinczow (um 1600) und in Checiny (um 1638), ´ ´ für die zweite die TaZ-Synagoge (1582) in Lemberg. 75 Innerhalb der Jahre 1550 bis 1650 kam diese Lösung nur bei der Isaak-Synagoge in Krakau (1638Ð 1642) und bei der in Chmielnik (ca. 1640) zur Ausführung. Diese beiden Synagogen bilden auch zwei der fünf Ausnahmen, die zwischen 1600 und 1650 mit längsrechteckigem Männerbereich ausgeführt wurden. 76 In der Literatur werden die polnischen Synagogen oft auch als »Festungssynagogen« bezeichnet, wobei dies als architektonisch-typologische Eigenschaft verstanden wird: Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 111f., 124; Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 57; Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 85. Zwar besaßen einige wenige z. T. auch Verteidigungsfunktion, dies läßt sich aber nicht verallgemeinern und schon gar nicht als typologische Eigenschaft an der aus Gestaltungsgründen in Polen weit verbreiteten »polnischen Attika« festmachen. Tobias Lamey grund der kirchlichen und staatlichen Restriktionen kaum oder nur wenig über die Silhouette der Wohnhäuser einer Stadt hinausragten und obwohl ihre äußere Erscheinung im Straßenbild oft bescheiden zu sein hatte, entwickelten sie sich aufgrund ihrer Kubatur, die durch die polnische Attika noch betont wurde und aufgrund dessen, daß sie meist frei im Stadtgefüge standen, zur dritten städtebaulichen Dominante neben den sakralen Kirchenbauten und den weltlichen Bauten (Schlösser und Burgen, Rathäuser). Nordwesteuropa In Nordwesteuropa hatten sich im 16. Jahrhundert in Städten, die in Küstennähe lagen und mit dem stark anwachsenden Welthandel große Bedeutung gewannen, einzelne Marranen niedergelassen.77 Aus diesen >familiären< Niederlassungen entwickelten sich seit Beginn des 17. Jahrhunderts sefardische Gemeinden.78 Obwohl die Niederlande damals unter spanischer Herrschaft stand, wurden diese jüdischen Gemeinden hier in den Handelsstädten toleriert. Hier entwickelte sich die zweite Staffel des neuzeitlichen Synagogenbaus. Die erste von ihrer Gestalt her überlieferte »portugiesische« Synagoge in Amsterdam konnte deshalb 1639 noch vor der Unabhängigkeit der Niederlande 1648 errichtet werden.79 Sie wurde auf längsrechteckigem Grundriß als dreischiffige Emporenhalle80 in Mischbauweise81 ausgeführt. Über den Seitenschiffen waren Emporen eingerichtet mit teilweise abgetrennten Frauenbereichen. Dieser Aufbau wurde hier erstmals in der Synagogenarchitektur verwandt und schuf mit seinem dreischiffigen Hallencharakter zumindest teilweise das Vorbild für die weiteren in Amsterdam errichteten Synagogen. Die Grundfläche aller drei Schiffe, die für die Männer vorgesehen war, betrug etwa 340 qm, die des höheren Mittelschiffes machte davon etwa 140 qm aus. Mit dieser Raumstruktur war ein Verhältnis von Aron-Hakodesch und Bimah kombiniert worden, das zwar die Bimah nicht so polar wie in Italien an der westlichen Stirnseite gegenüber dem Aron-Hakodesch an der östlichen Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 769f., 779ff. Von Amsterdam aus hatten Juden organisiert, daß ihnen die Niederlassung in England ab 1659 wieder gestattet wurde; vgl. Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 799. 79 Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 84ff.; J. F. van Agt/ E. van Voolen: Nederlandse Synagogen. Joods Historisch Museum. Weesp 1984, S. 15. 80 Zum Begriff Emporenhalle vgl. Harmen Thies: Das architektonische Konzept der neuzeitlichmodernen Synagoge. In: Gerd Biegel/Michael Graetz (Hg.): Judentum zwischen Tradition und Moderne. Heidelberg 2002, S. 7Ð30, hier S. 19. 81 In den Niederlanden wurde damals oft für die Raumkonstruktion eine Mischbauweise aus Holz und Stein angewandt im Gegensatz zum offiziellen Bauwesen im übrigen Europa, wo Holz- bzw. Massivbau meist zwei getrennte Techniken waren. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. positionierte, sie aber deutlich aus der Mitte in Richtung Westen herausrückte (Abb. 4/1).82 Die zwischenzeitlich angewachsene aschkenasische Gemeinde in Amsterdam ließ 1670 bis 1671 ebenfalls in Mischbauweise die Grote Sjoel errichten.83 Stammt ihr annähernd quadratischer, insgesamt ca. 290 qm großer Grundriß mit den vier, hier weit auseinander stehenden Säulen möglicherweise aus Polen, so rührt die von den vier Säulen gestützte dreischiffige Deckenkonstruktion aus Tonnengewölben sicher von der portugiesischen Synagoge aus dem Jahr 1639 her. Die drei parallelen Tonnengewölbe samt der sie tragenden Unterzüge geben dem Raum eine axiale Orientierung, während die vier Säulen im Grundriß ein großes Quadrat umschreiben und zusammen mit der quadratischen Grundrißform auf die Mitte konzentrieren. Mit dieser Grundrißorganisation kombiniert ist die Aufstellung des Bimah-Podiums in der Mitte des Saales. Von den Seitenwänden zu den vier Säulen spannend ist an drei Raumseiten der Frauenbereich als offene Galerie eingefügt (Abb. 4/2). Unmittelbar danach wurde zwischen 1671 und 1675 die Portugiesische Synagoge »Esnoga« errichtet, die bezüglich ihrer Größe im Rahmen des europäischen Synagogenbaus seit dem frühen Mittelalter einen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr annähernd wiederholten Maßstab schuf: Auf längsrechteckigem Grundriß wurde ein fast 1000 qm großer Saal gebaut.84 Auch sie wurde wie die Grote Sjoel in Mischbauweise mit einer dreischiffigen Deckenkonstruktion aus Tonnengewölben ausgeführt, die wie bei jener ebenfalls auf vier, im Grundriß ein großes, annähernd quadratisches Mittelfeld umschreibenden Säulen lagerte. Da deren Stellung hier aber aufgrund der in die Länge gezogenen Grundrißform nicht so deutlich ausfällt und diese vier Säulen Pendants in an den Stirnseiten angebrachten Halbsäulen haben, ist hier die gesamte Raumstruktur axial Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 384f. Zu dieser Synagoge vgl. Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 386Ð388; van Agt/van Voolen, Nederlandse Synagogen (wie Anm. 79), S. 17Ð22; Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 88Ð90. Wischnitzer führt aus, daß diese Synagoge von aschkenasischen Juden deutscher Herkunft errichtet worden war, die erst 2 Jahre später der aus Flüchtlingen des Chmielnitzki-Aufstands gebildeten, polnischen Gemeinde das Recht zustanden, diese Synagoge mitzubenutzen. Van Agt hingegen betont, daß der wichtigste Initiator dieser Synagoge der aus Polen stammende Joseph ben Abraham alias Joseph Polak war. 84 Zur portugiesischen »Esnoga« vgl. Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 388Ð391; van Agt/van Voolen, Nederlandse Synagogen (wie Anm. 79), S. 22f.; Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 97Ð99; Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 90Ð97. Ð Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 388 gibt 38 m ¥ 26 m (= 988 qm) an, aus dem Grundriß bei van Agt/van Voolen, Nederlandse Synagogen (wie Anm. 79), S. 23 lassen sich 35 m ¥ 26 m (= 910 qm) herausmessen. Ð Zum Vergleich: die größte bekannte mittelalterliche Synagoge, die als fünfschiffige Basilika in Toledo gebaute, besaß gute 500 qm Grundfläche (vgl. Krinsky, Europas Synagogen [wie Anm. 1], S. 326). Tobias Lamey orientiert und das annähernd quadratische Mittelfeld wird als solches kaum wahrgenommen. Mit ihrer Raumstruktur wurde das gleiche Verhältnis von AronHakodesch und Bimah, wie es bei der portugiesischen von 1639 zur Ausführung kam, kombiniert. Eine Neuerung waren die entlang der Seitenwände frei in den Raum gestellten Frauengalerien (Abb. 4/3). Stand die portugiesische von 1639 noch eingebunden in eine Blockrandbebauung zwischen und direkt neben anderen Häusern, so entwickelte sich die aschkenasische von 1670/1 und in noch stärkerem Maße die portugiesische von 1671/5 zu freistehenden städtebaulichen Dominanten. Ð Ab Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden auch in anderen niederländischen Städten Synagogen, so in Rotterdam 1725, in Amersfort 1727 und mehrere in Den Haag.85 Viele Juden portugiesischer bzw. sefardischer Herkunft haben sich im Laufe des 17. Jahrhunderts in Altona, Glückstadt und anderen Städten im damals dänisch beherrschten Schleswig-Holstein und in Kopenhagen selbst niedergelassen.86 In der deutschen Reichsstadt Hamburg wuchs ihre Gemeinde um die Mitte des 17. Jahrhunderts sogar auf etwa 600 Mitglieder, trotzdem war es ihnen hier nie gestattet worden, eine Synagoge zu errichten, sie mußten sich in Beträumen in Wohnhäusern versammeln.87 Von all diesen ersten sefardischen und mit der Zeit auch aschkenasischen Beträumen und Synagogen ist allein die sog. zweite aschkenasische Synagoge in Altona bildlich überliefert.88 Diese war zwischen 1682 und 1684 von einer aschkenasischen Gemeinde errichtet worden und 1715 nach einem Brand unter Verwendung alter Mauerreste wieder aufgebaut worden.89 Hinsichtlich Größe, Grundrißform, Aufbaustruktur und Bimah-Stellung glich sie fast völlig den neunfeldrigen aus Polen; nur die drei südlichen und die drei nördlichen der neun Quadrate waren geringfügig gestaucht. Der Frauenbereich befand sich Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 100, van Agt/van Voolen, Nederlandse Synagogen (wie Anm. 79), S. 24Ð28. 86 Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 780. Ð In Kopenhagen entstand nach 1657 eine kleine sefardische Gemeinde; die erste Betstube der deutschen Juden wurde dort 1684 eröffnet. Vgl. Jüdisches Lexikon (wie Anm. 14), Bd II, Sp. 20. 87 Saskia Rohde: Die Synagogen der Sefardim in Hamburg und Altona Ð Eine Spurensuche. In: Michael Studemund-Halevy (Hg.): Die Sefarden in Hamburg. Zur Geschichte einer Minderheit. Erster Teil. Hamburg 1994. Bd 1, S. 141Ð152, hier S. 141f. Erst 1771 konnte die immer kleinere sefardische Gemeinde in Altona dort eine Synagoge errichten; vgl. ebd., S. 144. 88 Ursula Dinse: Das vergessene Erbe Ð Jüdische Baudenkmale in Schleswig Holstein. In: Gegenwartsfragen, Nr 78. Hg. von der Landeszentrale für Politische Bildung Schleswig-Holstein. Kiel 1995, S. 65. Die unbekannte Synagoge in Glückstadt wurde nach 1630 errichtet. 89 Alle Angaben zu dieser Synagoge ebd., S. 67f., 72Ð77; auch das Aufmaß von Goldenberg aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Ð Über die erste Synagoge der aschkenasischen Gemeinde in Moisling bei Lübeck ist nur bekannt, daß sie Ende des 17. Jahrhunderts gebaut wurde; vgl. ebd., S. 70, 323. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. über dem Vorraum, der im Westen dem Hauptsaal vorgelagert war, und war mit Fensteröffnungen mit dem Hauptsaal verbunden. Im Gebiet des damals dänisch beherrschten Schleswig-Holstein folgten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Synagogenbauten in Rendsburg 1732/3, Friedrichstadt 1734 und Elmshorn 1749.90 Marginaler Synagogenbau in den übrigen Ländern und Gebieten Der Vollständigkeit halber wird im folgenden der marginale Synagogenbau in den übrigen Ländern und Gebieten angedeutet, der aber erwartungsgemäß keinerlei Neuerungen brachte. Zwar bestanden in einzelnen Gebieten Südfrankreichs im 16. und 17. Jahrhundert jüdische Gemeinden, deren Synagogen sind aber nicht überliefert.91 In Deutschland wurden in diesem Zeitraum nur in einigen kleinen ländlichen Städtchen Synagogen errichtet, deren Architektur aber nicht mehr bekannt ist.92 Die einzige größere Synagoge war die 1616 in Fürth gebaute. Sie besaß einen längsrechteckigen, 137 qm umfassenden Grundriß des Hauptsaales mit zentraler Bimah, Frauenbereichen an den Längsseiten mit vergitterten Öffnungen zum Männersaal.93 Erst vom Beginn des 18. Jahrhunderts an wurden wieder in stärkerem Maße an einzelnen Orten Synagogen errichtet.94 Für Österreich existieren Hinweise auf über 20 Synagogen in diesem Zeitraum, aber diese Angaben betreffen vor allem Beträume in Häusern oder Synagogen in Dörfern.95 Dies gilt für die 14 aus Niederösterreich überlieferten Synagogen, von denen sich keine bis heute erhalten hat, weiter für die Betsäle in Linz und in Innsbruck, für die erste und die zweite Synagoge in Wien, und für den einfachen Holzbau aus dem Jahre 1642 in Hohenems in Vorarlberg.96 Die vier Synagogen Ebd., S. 323. Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 96f. 92 Ebd., S. 92ff.; Gerhard W. Mühlinghaus: Der Synagogenbau des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Die Architektur der Synagoge (wie Anm. 5), S. 115Ð156, hier S. 133. 93 Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 92; Künzl: Europäischer Synagogenbau vom 16. bis 18. Jahrhundert (wie Anm. 51), S. 89; Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 287; Krautheimer, Mittelalterliche Synagogen (wie Anm. 5), S. 243. Berechnung des Grundrisses auf Basis des Planes bei Krautheimer. Ð Möglicherweise wurde Ende des 16. Jahrhunderts in Schnaittach in der Oberpfalz eine Synagoge errichtet, deren längsrechteckiger Saal etwa 100 qm gemessen haben könnte; vgl. Grotte, Beiträge zum Synagogenbau (wie Anm. 57), S. 36f., Krautheimer, Mittelalterliche Synagogen (wie Anm. 5), S. 240. 94 Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 81, 92. 95 Genee, Synagogen in Österreich (wie Anm. 2), S. 18, 40, 46. ´ 96 Die Angaben in den schriftlichen Quellen und überlieferte Fotografien zu den niederösterreichischen Synagogen deuten allesamt daraufhin, daß es sich um kleine bzw. kleinste Synagogen bzw. ´ Beträume in Häusern handelte. Vgl. Genee, Synagogen in Österreich (wie Anm. 2), S. 40Ð45; zu den anderen genannten vgl. ebd., S. 18, 46f., 112. Tobias Lamey Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. Tobias Lamey im Burgenland sind kaum bezüglich ihrer Architektur überliefert, die wenigen Hinweise deuten darauf hin, daß es kleine waren.97 In Wien wurde Mitte des 17. Jahrhunderts die »Neue Synagoge« errichtet, die laut einer Beschreibung abgetrennte Frauenbereiche und wohl eine zentrale Bimah hatte.98 20 Jahre später waren die Juden aus Wien wieder vertrieben worden, und die »Neue Synagoge« wurde in eine Kirche umgewandelt.99 Der Synagogenbau in der Slowakei, in Ungarn und in Rumänien war von den kriegerischen Auseinandersetzungen um die Ausweitung des osmanischen Herrschaftsbereichs in teilweise unterschiedlichem Maße betroffen. Für die Slowakei sind seit der Schlacht von Mohacs 1526 bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts hinein nur Hinweise auf die Existenz zweier Beträume überliefert.100 In Ungarn scheint es zwischen dem ausgehenden 15. Jahrhundert und der Mitte des 18. Jahrhunderts Ð bedingt durch die Entvölkerung und Verwüstung des Landes Ð keinen Synagogenbau gegeben zu haben.101 In der Folgezeit setzt dann eine umfangreiche Bautätigkeit ein.102 In Rumänien wurde die älteste belegte Synagoge 1657 in Targu-Cucului in ^ Moldawien, die älteste erhaltene 1671 in Iasi errichtet.103 Diese Synagoge wurde ¸ in der Folgezeit mehrmals nach Bränden wiederaufgebaut und umgebaut.104 Über die Synagoge in Eisenstadt aus dem 16. Jahrhundert ist nichts überliefert, die in EisenstadtUnterberg war ein Saalbau ohne Frauengalerie, in Kittsee war die Synagoge für »einige« Familien errichtet worden, die in Mattersdorf könnte als einfacher Saalbau bis zu 100 qm besessen haben, wenn denn die Fotografie den ursprünglichen Zustand abbildet. Alle Angaben aus ebd., S. 87Ð99. 98 Ebd., S. 50. 99 Hier hatten sich Juden 1570 nach 130 Jahren Vertreibung wieder niederlassen können, entwickelten dann das ihnen zugewiesene Wohnviertel zu einer »der bedeutendsten Judenstädten in Europa« und wurden 1670/71 zusammen mit den in Niederösterreich verbliebenen Gemeinden wieder vertrieben; vgl. ebd., S. 18, 46, 50. 100 an/Krivosova/Kissova, Architektura synagog na Slovensku (wie Anm. 2), S. 10. ´ ´ Mest ´ ´ 101 Gazda, Zsinagogag es zsido közegek Magyarorszagon (wie Anm. 2), S. 236. Ð Alle Angaben bezie´ ´ ´ ´ ´ hen sich auf die englische Zusammenfassung und die mit dem Mittelalter beginnende, chronologisch angeordnete, sehr umfangreiche und detaillierte Darstellung der Grundrisse von einst bestandenen und noch bestehenden Synagogen. Ð Für das 14. bzw. 15. Jahrhundert sind jeweils zwei in Sopron und Buda überliefert bzw. rekonstruierbar. Zu diesen Synagogen vgl. Grundrisse ebd., S. 128. 102 Ebd., S. 129Ð131. 103 Möglicherweise wurden bereits 1580 in Iasi in Moldawien und dann 1656 in Alba-Iulia in Transyl¸ vanien Synagogen gebaut. Vgl. Streja/Schwarz, Sinagogi din Romania (wie Anm. 2), S. 17 und ^ 109. 104 Aufgrund der vielen Teilzerstörungen ist die ursprüngliche Gestalt nicht mehr festzustellen. Sie besitzt heute einen längsrechteckigen Saal von etwa 16 ¥ 9 m, in den etwas nach Westen gerückt die Bimah als Podium mit Balustrade aufgestellt ist. Über dem Bereich zwischen Bimah und AronHakodesch befindet sich eine Kuppel mit Laterne; vgl. ebd., S. 108, 110; Grundriß, Schnitt S. 108. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. 3. Entwicklungs- und Verbindungslinien Aus dem bisher Dargelegten ergibt sich bezogen auf die einzelnen Untersuchungskategorien folgendes Bild: Die Anzahl der in Polen gebauten Synagogen übersteigt bei weitem die der in Norditalien und Böhmen-Mähren gebauten. Die Amsterdamer können hier nicht einbezogen werden, da sie erst den Keim der im folgenden in Nordwesteuropa gebauten bilden. Auch hinsichtlich Größe des Haupt- respektive Männersaales nehmen die polnischen im Verhältnis zu den norditalienischen und böhmisch-mährischen eine besondere Stellung ein, da hier gegenüber früheren Zeiten deutlich größere nicht mehr nur Ausnahmen bilden. Einen erst wieder im 19. Jahrhundert erreichten Meilenstein setzt dann bezüglich Größe die »Esnoga« in Amsterdam. In welchem Verhältnis der längsrechteckige Grundriß der norditalienischen und Amsterdamer Synagogen zu den mittelalterlichen Traditionen steht, läßt sich aufgrund der Zerstörungen nach den Vertreibungen aus Süditalien und von der iberischen Halbinsel am Ende des 15. Jahrhunderts nur noch ungenau feststellen. Ð Während die mittelalterliche Tradition bezüglich Grundrißform in Böhmen-Mähren auch in der Neuzeit fortbesteht, tritt der polnische Synagogenbau aus dieser Tradition heraus, indem sich dort die quadratische Grundrißform durchsetzt. Hinsichtlich der Bimah-Stellung im Grundriß ändert sich die ganzen 200 Jahre hindurch weder die aschkenasische zentrale Position noch die sefardische bipolare bzw. westliche Position. Besteht in Norditalien und Böhmen-Mähren jeweils nur ein typischer Aufbau, so entfaltet sich in Polen eine Typologie aus drei verschiedenen Aufbaustrukturen, indem traditionelle weitergeführt werden (stützenlose Säle), neue Formen adaptiert werden (neunfeldrige Säle) und vollkommen neue entwickelt werden (Säle mit Stütz-Bimah). Die Geschlechter werden die beiden Jahrhunderte hindurch, unabhängig ob in Italien, Böhmen-Mähren oder Polen und unabhängig vom Ritus, derart getrennt, daß die Frauenbereiche in mit dem Hauptsaal bzw. dem Männersaal durch vergitterte Fensteröffnungen verbundenen Nebenräumen untergebracht wurden.105 Um die Mitte des 17. Jahrhunderts kommt es in Italien, Polen und Amsterdam gleichzeitig zu drei verschiedene Lösungen: in Amsterdam werden 1639 die Frauenbereiche über den Seitenschiffen untergebracht, in Italien werden um die Mitte des 17. Jahrhunderts umlaufende Frauengalerien eingefügt, und in Polen werden etwa 1640 in zwei Synagogen westliche erhöhte Frauenemporen einge105 Im Falle kleiner Synagogen wurden die Geschlechter wohl nur durch Paravents oder ähnliches, die im Hauptsaal verschiedene Bereiche voneinander absonderten, getrennt. Wie die Geschlechtertrennung in der 1595 errichteten Meysel-Synagoge in Prag durchgeführt wurde, muß hier offenbleiben. Tobias Lamey richtet. In den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts tauchen dann in der aschkenasischen und in der sefardischen Synagoge in Amsterdam offene, von den Wänden zu den Stützen spannende oder offene, frei in den Raum hineingestellte Frauengalerien auf. Wie es sich bei der aschkenasischen Synagoge in Altona bereits andeutete, strahlten bestimmte Aufbaustrukturen beziehungsweise Merkmale in den folgenden Synagogenbau anderer Zentren oder später im 18. Jahrhundert auch neu hinzugekommener Länder aus. Der norditalienische Synagogenbau besaß solche eine Ausstrahlung nicht, der böhmisch-mährische nur im Bezug auf das Einzelbeispiel der »Hohen« in Prag. Vom Polnischen ging dagegen eine ganze Reihen von Anstößen aus: Synagogen mit Stütz-Bimah werden vom 18. Jahrhundert an auch in Böhmen-Mähren (Mikulov, Podivin, Osoblaha),106 in Ungarn (Mad, Bonyhad ´ ´ ´ und weitere)107 und eventuell in Metz108 errichtet. Der neunfeldrige Aufbau findet sich erstmals in Altona,109 später in der Slowakei (Bardejov)110 und in Ungarn (Huszt und Paks).111 Eventuell ist hier auch die Grote Sjoel in Amsterdam einzuordnen. Stützenlose Säle auf quadratischem Grundriß kommen in Deutschland112 (Halberstadt)113 und in Ungarn114 zur Ausführung. Die Synagoge in Halberstadt besaß zudem ein zentralisierendes Spiegelgewölbe mit einer kleinen Kuppel in der Mitte. Im Westen angeordnete, erhöhte, zum Hauptsaal hin offene Frauenbereiche wie bei der Isaak-Synagoge in Krakau finden sich auch in den Synagogen Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 149. Zu den Synagogen in Mad und Bonyhad vgl. Grundrisse mit Daten bei Gazda, Zsinagogag es ´ ´ ´ ´ ´ zsido közegek Magyarorszagon (wie Anm. 2), S. 131; Fotografien dieser Synagogen finden sich in ´ ´ Magyarorszagi zsinagogak (wie Anm. 2), S. 101Ð105 und S. 185Ð190. ´ ´ ´ 108 Vgl: Wischnitzer, Mutual Influences between eastern and western Europe in Synagogue Architecture (wie Anm. 61), S. 285. 109 Auch die im 14. Jahrhundert errichtete Synagoge in Tomar/Portugal weist solch eine architektonische Aufbaustruktur auf. Abgesehen davon, daß diese Synagoge im Vergleich zu jenen sehr klein war, sprechen zeitlicher Abstand und Ritus-Zugehörigkeit der Altonaer Gemeinde eher dafür, daß als Vorbild die in Polen dienten. 110 an/Krivosova/Kissova, Architektura synagog na Slovensku (wie Anm. 2), S. 11ff. Dorfman, ´ ´ Mest ´ ´ Synagogues without Jews (wie Anm. 29), S. 205 datieren auf der Basis einer Übersetzung einer Inschrift aus dem Hebräischen die Errichtung des Baus auf das Jahr 1830. 111 Vgl. Gazda, Zsinagogag es zsido közegek Magyarorszagon (wie Anm. 2), S. 13. ´ ´ ´ ´ ´ 112 Auch hinsichtlich der 1714 fertiggestellten Synagoge mit längsrechteckigem Grundriß in Berlin in der Heidereutergasse läßt sich nicht ausschließen, daß anfangs beabsichtigt war, diese mit quadratischem Grundriß zu bauen. Vgl. Simon Paulus: Wer war der Baumeister in der Heidereutergasse? In: Hermann Simon/Harmen Thies (Hg.): »Und ich wurde ihnen zu einem kleinen Heiligtum . . .«. Berlin, erscheint im Herbst 2004. 113 Ulrich Knufinke: Halberstadt, Synagoge Balkenstraße. In: Synagogenarchitektur in Deutschland vom Barock zum >Neuen Bauen< (wie Anm. 5), S. 48f. 114 Vgl. Gazda, Zsinagogag es zsido közegek Magyarorszagon (wie Anm. 2), S. 129. ´ ´ ´ ´ ´ Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. in Hamburg-Altona, in Berlin, Heidereutergasse, in Ansbach und in Halberstadt.115 Auch vom Amsterdamer Synagogenbau gingen Anstöße aus: Die Vier-Stützen-Bauten, die ein wesentlich größeres Mittelfeld ausgebildet haben, finden später im 18. Jahrhundert v. a. in den Niederlanden Nachfolger.116 Die offenen, in den Raum gestellten, ihn dreiseitig umfassenden Frauengalerien sind nach 1700 in den weiteren niederländischen, den englischen und den amerikanischen Synagogen zu finden.117 Als Beispiel sei hier die älteste überlieferte aus England, die Bevis Marks Synagoge118 in London, erwähnt. Bisher wurde vor allem phänomenologisch der Synagogenbau der vier Zentren beschrieben, wobei Neuerungen benannt und Ausstrahlungen aus einzelnen Zentren in andere Gebiete skizziert wurden. Damit standen die Bauten an sich und architektonische Entwicklungsetappen im Vordergrund. Die Ursachen und Faktoren für ihre Entstehung deuteten sich allenfalls indirekt an. Zum zweiten stand damit das Werk der christlichen Architekten im Vordergrund, die Bauherrenschaft trat nur als jüdisches Volk, das bestimmte Entwicklungen übernimmt und weiterträgt, in Erscheinung. Im folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob die jüdischen Bauherrenschaften die Entwicklung von Synagogenarchitekturen über das übliche Maß hinaus Ð daß sie Bimah und Aron-Hakodesch und die Geschlechtertrennung als Bedarf anmeldeten Ð auch gestalterisch beeinflußten. 4. Zur Entstehung neuer Merkmale Die architektonischen Aufbaustrukturen des Hauptsaales der Synagogen in Europa im 16. und 17. Jahrhundert sind hinsichtlich ihrer Entstehung zu unterscheiden: Die stützenlosen Säle haben ihre Vorbilder in profanen und sakralen Sälen der christlich geprägten Umwelt, die Prager Meysel-Synagoge als Basilika ihre Vorbild im katholischen, als Emporenbasilika möglicherweise im protestantischen Sakralbau. Die neunfeldrigen Synagogen mit neun gleich großen Quadraten haben ihren Ursprung in byzantinischen Kirchen bzw. in mittelalterlichen katholischen Hallenkirchen. Dieses Nehmen von Anleihen gilt wahrscheinlich nur vermittelt für die Amsterdamer Synagogen: Während sich die Aufbaustruktur der Alle Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 92Ð95. Zur Synagoge in Ansbach vgl. auch Krinsky, Europas Synagogen (wie Anm. 1), S. 255f. 116 van Agt/van Voolen, Nederlandse Synagogen (wie Anm. 79), S. 24. 117 Ebd., S. 22ff. 118 Wischnitzer, The Architecture of the European Synagogue (wie Anm. 1), S. 102Ð104. Vgl. auch Building Jerusalem. Jewish Architecture in Britain (wie Anm. 2), ab S. 54. Tobias Lamey portugiesischen von 1639 auf die Reformierte Kirche in Charenton bei Paris119 zurückführen läßt, ist der Ursprung der aschkenasischen und der sefardischen aus den 70er Jahren wohl im Feld zwischen polnischem Synagogenbau und protestantischem Kirchenbau zu suchen.120 Die polnischen Synagogen mit StützBimah haben solche Vorbilder nicht. Diese besitzen eine Aufbaustruktur, die im Rahmen der europäischen Architekturgeschichte nur in der Synagogenarchitektur und nur in Polen entsteht.121 Die Herausbildung des quadratischen Grundrisses als Grundelement des polnischen frühneuzeitlichen Synagogenbaus und die Herausbildung der StützBimah könnten auf den Einfluß der jüdischen Bauherren zurückzuführen sein: Bimah und Aron-Hakodesch sowie die damit verbundenen, unterschiedlichen Traditionen der Sefardim und Aschkenasim zur Stellung der Bimah im Raum waren die Ausgangspunkte der jeweiligen Suche nach architektonischen Lösungen. Bei der Untersuchung, wie sich in Polen der quadratische Grundriß zum Grundelement entwickelte, werden deshalb die Äußerungen zur Bimah-Position der beiden großen Kodifikatoren am Beginn der frühen Neuzeit, dem Sefarden Josef Caro (geb. 1488 in Toledo, gest. 1575 in Safed) und dem Aschkenasen Moses Isserles (geb. 1525 in Krakau, gest. 1572 in Krakau) herangezogen. Zuvor hatte Maimonides (geb. 1135 in Cordoba, gest. 1204 in Kairo) in seiner Mishneh Torah die Stellung der Bimah in der Mitte des Saales festgelegt, »damit alle das Wort Gottes hören können.«122 Josef Caro hielt dann später in seinem Kommentar Kesef Mishneh zum Rambam (= Mishneh Torah des Maimonides) Zum Entstehungshintergrund vgl. Thies, Das architektonische Konzept der neuzeitlich-modernen Synagoge (wie Anm. 80), S. 18Ð20. 120 van Agt/van Voolen, Nederlandse Synagogen (wie Anm. 79), S. 19Ð22. Van Agt weist darauf hin, daß der Grundriß der Grote Sjoel einerseits als eine Modifikation des polnischen entstanden sein könnte: Der wichtigste Initiator der aschkenasischen Synagoge war Joseph ben Abraham alias Joseph Polak, ein aus Polen stammender Jude, und so könnte der quadratische Grundriß der Grote Sjoel mit vier Ð allerdings proportional anders im Grundriß aufgestellten Ð Säulen aus Polen kommend hier modifiziert Anwendung gefunden haben. Da der Entwerfer der portugiesischen Synagoge Elias Bouman schon am Bau der Grote Sjoel beteiligt gewesen war, wäre es weiter möglich, daß die hinsichtlich Tragstruktur, Säulenzahl und Gewölbeform identische portugiesische als eine Nachbildung der aschkenasischen zu betrachten ist. Andererseits war am Bau der aschkenasischen der Staatsarchitekt Daniel Stalpaert als Prüfer beteiligt, der auch protestantische Kirchen mit quadratischem Grundriß und durch vier Säulen gebildeten, eingeschriebenem gleichschenkligem Kreuz Ð wie die in Oudshorn und in Wittenburg bei Amsterdam Ð entwarf. Dies wäre die personifizierte Spur zum protestantischen Kirchenbau. 121 Vgl. auch Künzl, Jüdische Kunst (wie Anm. 1), S. 85. 122 Maimonides schrieb (Mishneh Torah, Hilkhot Tefilah 11,3): »A platform is placed in the center of the hall, so that the one who reads the Torah or one gives a sermon can stand on it, so that all the others will hear him.« Zitiert nach: Maimonides: Mishneh Torah, Hilchot Tefilah [II] and Birkat Kohanim Ð The Laws of Prayer and the Priestly Blessing. A new translation with commentaries, notes and diagrams by Rabbi Eliyahu Touger. New York, Jerusalem 1989, S. 108. Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. angesichts der geringen Größe der zu seiner Zeit gebauten Synagogen diese Festlegung für überholt, befand die Stellung der Bimah gegenüber dem Aron-Hakodesch am anderen Raumende für gut und äußerte sich deshalb in seiner berühmten Kodifikation Shulchan Arukh unter den Paragraphen zum Bau von Synagogen in keiner Weise zur Bimah.123 Moses Isserles grenzte daraufhin in seinen Glossen Rema zu Caros Shulchan Arukh allgemein die aschkenasischen Vorschriften von den sefardischen ab. Dabei hob er das Gebot von der Stellung der Bimah in der Mitte des Raumes, damit alle das Wort Gottes hören können, hervor, indem er es relativ unvermittelt an der Stelle, an der Caro von der Orientierung der Synagoge handelt, benannte.124 Beide Kodifikatoren waren bereits zu ihren Lebzeiten im gesamten jüdischen Volk anerkannte Autoritäten, und so wurde die Einheit von Caros auch »gedeckter Tisch« genanntem Werk und Isserles auch »Tischdecke« genanntem glossarischem Werk ab dem 16. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert trotz aller auch dann erfolgenden Kommentare zum Kommentar zum Kommentar »maßgeblich für das kommunale und private Leben des gesamten Judentums.«125 Isserles betont, obwohl auch zu seinen Lebenszeiten die Synagogen klein waren, die mittige Stellung der Bimah.126 Er und Maimonides verstanden die Bimah Josef b. Efrajim Caro schrieb in Kesef Mishneh zum Rambam, Hilkhot Tefilah 11,3: »In dieser Zeit baut man die Bimah am äußeren Rand der Plätze in der Synagoge . . . und nicht in der Mitte. [. . .] da der Standort [der Bimah; Anm.TL] in der Mitte nicht Vorschrift ist, sondern alles ist gemäß dem Ort und der Zeit. In jenen Zeiten waren die Synagogen sehr groß und man mußte die Bimah in die Mitte stellen, um alle hören zu lassen, aber in heutigen Zeiten, wo durch unsere Schuld die Synagogen klein sind, und das ganze Volk hört, ist es besser, sie an einer Seite stehen zu haben, als in der Mitte.« Zitiert nach: Rabbinische Responsen zum Synagogenbau Ð Teil 1 Die Responsentexte. Übersetzt und eingeleitet von Brigitte Kern-Ulmer. Hildesheim, Zürich, New York 1990, S. 97f. Ð Caro befaßt sich im ersten Buch O''CH seines Shulchan Arukh in sechs Paragraphen (150Ð155) mit der Synagoge. Bezüglich Architektonischem der Synagoge befaßt er sich allerdings nur im ersten Paragraphen mit seinen 5 Artikeln. Hier gibt er u. a. Vorschriften für Städtebauliches und die Orientierung, erwähnt die Bimah oder gar ihre Stellung aber nicht. Vgl. Sulchan-Arukh Ð Das Ritual- und Gesetzbuch des Judenthums, erster Teil Orach Chajim (Lebenspfad). Zum ersten Male aus dem Original frei in's Deutsche übersetzt von Dr. Johannes A. F. E. L. V. von Pavly. Basel 1887, S. 569Ð607. 124 Moses Isserles schrieb: »Die Bimah muß in der Mitte der Synagoge aufgestellt werden. Dort steht der, welcher aus der Torah vorliest, so daß alle es hören können. Wenn der Sheliach Tzibur betet, soll er sich dem Aron ha-qodesh zuwenden.« Rema zu Shulchan Arukh, O''CH 150,5 zitiert nach: Rabbinische Responsen zum Synagogenbau (wie Anm. 123), S. 97. Vgl. auch Sulchan-Arukh (wie Anm. 123), S. 572. 125 Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes (wie Anm. 3), S. 814f. 126 In Aschkenas waren seit dem Mittelalter bis dahin überwiegend etwa 100Ð140 qm große Synagogen gebaut worden, allein die »Alte« in Krakau war mit ihren ca. 200 qm die größte bis 1570. Ob Isserles von der Größe der nach 1567 errichteten Synagoge in Lublin mit ihren höchstwahrscheinlich fast 300 qm wußte, muß offen bleiben. Caro dagegen wußte aus Erzählungen von den Synagogen in Spanien, wo z. B. die in Toledo einen Hauptsaal von gut 500 qm besaß, und kannte die kleinen in Italien. Tobias Lamey und ihre Position funktional-räumlich: Sie hat der Distribution des Wortes Gottes an alle Gemeindeglieder zu dienen und erfüllt diese Funktion räumlich, wenn sie in der Mitte steht. Damit wird indirekt eine Grundrißorganisation, die entlang einer Achse auf eine Bimah hin orientiert wäre, ausgeschlossen, und es wird eine Grundrißorganisation, die von einem Mittelpunkt in einer Fläche allseitig ausstrahlt, impliziert Ð die ideale Fläche wäre die von einem Kreis begrenzte. Kreisrunde Grundrißformen wurden im Zeitalter der Renaissance nahezu nicht angewandt.127 Der von Maimonides und Isserles angestrebten Grundrißorganisation entsprach daher am meisten eine quadratische Grundrißform, die zumindest viel mehr auf ihre Mitte konzentriert ist als die längsrechteckige. Isserles könnte deshalb mit seiner Autorität, mit seiner bewußten Abgrenzung vom sefardischen Umgang bezüglich der Bimah-Stellung und mit seiner Wiederholung der räumlich-funktionalen Eigenschaft der Bimah den Impuls dafür gegeben haben, daß die polnischen Aschkenasim ab 1600 die quadratische Grundrißform zum Grundelement machten.128 Auch könnte er mit seiner im gesamten jüdischen Volk anerkannten Autorität den Impuls gegeben haben, daß später unter den Aschkenasim in anderen Ländern in viel stärkerem Maße als bisher dort üblich diese Grundrißform angewandt wurde. Caro dagegen hat bereits vollzogene Änderungen bezüglich der Bimah-Stellung nachträglich kodifiziert. Die Einzigartigkeit der Stütz-Bimah im Rahmen der nachantiken europäischen Architekturgeschichte gibt besonderen Anlaß zu der Vermutung, daß hier die jüdischen Auftraggeber ebenfalls erstmals grundsätzlichen gestalterischen Einfluß, der über die bisherige Positionsbestimmung von Aron-Hakodesch und Bimah hinausreichte, ausübten. Krautheimer führt dazu aus: »Innerhalb dieses Kreises ostjüdischer Kultur gestaltet sich eine eigene Kunst abhängig von den Europa beherrschenden künstlerischen Strömungen, aber innerhalb ihrer, von den liturgisch gesetzten Bedingungen ausgehend, zu eigenen Lösungen kommend, die heterogen nicht gegeben waren, wie im mittelalterlichen Judentum. So entsteht der Vierstützentypus, der erste Synagogentypus Europas, der für die synagogale Form eigens geschaffen worden ist.«129 Aus Polen ist mir für diese Zeit kein Beispiel bekannt. Für diese Annahme spricht auch aus originär architekturgeschichtlicher Sicht, daß vor dem Hintergrund des rapiden Wachstums der jüdischen Gemeinden in Polen große Synagogen-Neubauten notwendig wurden, die mit längsrechteckigen Grundrissen weniger aufwendig bewältigbar gewesen wären als mit quadratischen. Für letztere wurden Unterstützungen im Inneren benötigt und bedurften daher neuer bzw. anderer architektonischer Lösungen als der bisherigen. 129 Krautheimer, Mittelalterliche Synagogen (wie Anm. 5), S. 24f. Ð Die viel zitierte, oft pauschal für den gesamten Synagogenbau Europas verallgemeinerte, zentrale These von Krautheimer lautet: »Die formale [gesperrt, TL] Gestaltung des Baus [der Synagoge, TL], die Bildung des Räumlichen, der konstituierenden Glieder, der Schmuckformen, wird nicht aus der Kultur des Judentums gebo- Die Stellung des polnischen Steinsynagogenbaus im 16./17. Jh. 5. Zusammenfassung In der frühen Neuzeit war es für Juden nur in einigen wenigen Ländern in Europa möglich, Synagogen zu errichten. In den vier Zentren Norditalien, BöhmenMähren, Polen und den Städten an der Nordseeküste jedoch konnten viele unterschiedlich gestaltete und strukturierte Synagogen errichtet werden. Obwohl die Wechselbeziehungen zwischen diesen vier Zentren nur angerissen werden konnten und der geschichtliche Kontext, vor allem der innerjüdische, fast völlig ausgeklammert bleiben mußte, ließen sich doch Entwicklungs- und Verbindungslinien innerhalb und zwischen diesen vier Zentren feststellen, die auch später ab dem 18. Jahrhundert in neue Gebiete ausstrahlen, in denen wieder Synagogenbau möglich wird. Insgesamt ergibt sich folgendes Bild: So prächtig die Innenraumgestaltung der norditalienischen Synagogenräume war und so rigoros nur die längsrechteckige Grundrißform mit sefardischer oder aschkenasischer Bimah-Stellung angewandt wurde, bleibt dieser Synagogenbau letztlich allein Innenarchitektur und gehen von ihm kaum Impulse für nachfolgenden Synagogenbau aus. In Böhmen-Mähren entwickeln sich vor dem Hintergrund des Baus vieler, meist kleiner Synagogen zwar Neuerungen wie die vermutliche, erstmalige Anwendung des basilikalen Aufbaus und die einer zentralisierten Überwölbung, aber diese verallgemeinern sich nicht. Im wesentlichen bleibt der Synagogenbau dieser beiden Zentren der jeweiligen mittelalterlichen Tradition verhaftet. Nicht allerdings der in Polen: Hier kommt es auf der Grundlage einer gewaltigen Steigerung von Anzahl und Größe der Synagogen zu einer differenzierten und reichhaltigen Entwicklung. Erstmals im frühneuzeitlichen Synagogenbau entwickeln und verallgemeinern sich Neuerungen, die aus der mittelalterlichen Tradition heraustreten: der quadratische Grundriß wird zum Grundelement des dortigen Synagogenbaus und mit der Stütz-Bimah entsteht im Rahmen der nachantiken europäischen Architekturgeschichte die einzige Aufbaustruktur, die nur für den Synagogenbau entwickelt und dort angewandt wurde. Darüber hinaus geben beide Neuerungen zu der begründeten Vermutung Anlaß, daß sie das Resultat eines erstmalig über die Benennung von Bimah- und Aron-HakodeschPosition hinausreichenden Einflusses der jüdischen Bauherrenschaften auf die Gestaltung der Synagogen sind. Und nicht zuletzt findet hier erstmals im neuzeitlichen Synagogenbau der Sprung vom vorherrschenden Typ zur ganzen Typologie statt: Für den Hauptsaal kommen drei verschiedene architektonische Aufbauren; sie hängt von der örtlichen und zeitlichen Umgebung ab, in welcher der Bau entsteht. So stellt sich eine Geschichte des Synagogenbaus als ein formgeschichtliches Problem nicht als fortlaufend sich entwickelnde Kette dar, sondern als ein Springen von Insel zu Insel.« Ebd., S. 11. Tobias Lamey Siehe auch Daniel Krochmalnik: Das neue Weltbild in jüdischen Kontexten. Krakau, Prag, Amsterdam. In: Michael Graetz (Hg.): Schöpferische Momente europäischen Judentums in der frühen Neuzeit. Heidelberg 2000, S. 249Ð270, hier S. 269f. Krochmalnik kommt hier nicht bezogen auf den Synagogenbau, sondern bezogen auf die Herausbildung des Weltbilds der Neuzeit zu einer ähnlichen Bewertung im europäischen Vergleich. 131 Dabei wird vor allem auf das Werk von Maria und Kazimierz Piechotkowie zurückzugreifen sein

http://www.holocaustresearchproject.org/trials/images/Hangings%20at%20the%20Chujowa%20Gorka%20in%20Plaszow.jpg

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