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04 Juni 2009

Jud Suess - wegweisender Artikel in Telepolis

"Der Führer ist sehr eingenommen"

Hans Schmid 01.06.2009

Mordsache Jud Süß - Teil 1

Warum hat Bernd Eichinger für Der Baader-Meinhof-Komplex keinen Oscar bekommen? Weil es ein schlechter Film ist? So etwas hat bei der Oscarverleihung noch nie eine Rolle gespielt. Der Grund ist ein ganz anderer. Eichinger hat nicht ausreichend deutlich gemacht, dass Meinhof, Ensslin und Baader gegen eine durch die Nazi-Verbrechen belastete Generation rebellierten und Schleyer eine SS-Vergangenheit hatte. Einen Oscar durfte daher nur der Regisseur von Spielzeugland entgegennehmen. Als Faustregel gilt: Deutsche Produktionen (oder österreichisch-deutsche wie Die Falschmünzer) erhalten dann einen Oscar und andere Preise, wenn es um Nazis geht. Man kann das noch präzisieren: Die Handlung sollte möglichst in der Zeit von 1933 bis 1945 angesiedelt sein. Es war daher ein geschickter Schachzug von Volker Schlöndorff, sich auf den Teil von Grass' Blechtrommel zu konzentrieren, der im Dritten Reich spielt. Und Atze Brauner hatte durchaus Recht, als er sich darüber empörte, dass Deutschland Helmut Dietl und nicht ihn ins Rennen um den Oscar schickte. Schtonk! war der bessere Film. Aber Hitlerjunge Salomon hätte bessere Chancen gehabt, weil die Zeit stimmte.

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Ist es zynisch, so etwas zu sagen und dann auch noch darauf hinzuweisen, dass es sich bei den Auswanderern im oscarprämierten Nirgendwo in Afrika um deutsche Juden handelt, die nicht irgendwann ins Ausland fliehen, sondern 1938 und vor Hitler? Es beschreibt nur die Realität. Wahrscheinlich hat auch die Stasi-Schmonzette Das Leben der anderen den Oscar der Tatsache zu verdanken, dass es da um eine deutsche Diktatur geht, die so in Szene gesetzt wird, wie andere es mit dem 12-jährigen Reich gemacht haben. Oskar Roehler, einst mit Die Unberührbare völlig chancenlos, zieht daraus jetzt die Konsequenzen. Er verfilmt den Teil des Lebens von Ferdinand Marian, der sich um dessen Darstellung des Joseph Süß Oppenheimer im gleichnamigen Propagandafilm von Veit Harlan dreht: Jud Süß - Sympathie für den Teufel (Mick Jagger ist aber nicht dabei).

Wenn Sympathie für den Teufel nächstes Jahr in die Kinos kommt, werden wir also miterleben, wie ein österreichischer Schauspieler eine Rolle in einem Film verkörpert, von dem jeder gehört hat und den die meisten von uns nicht kennen, weil er in der Bundesrepublik Deutschland mit einem Tabu belegt wurde. Einen Vorgeschmack darauf, wie das sein wird, erhalten wir derzeit durch Felix Moellers Dokumentarfilm Veit Harlan - Im Schatten von Jud Süß. Bei Moeller erfahren wir, wie es ist, Sohn, Tochter oder Enkelkind des Regisseurs zu sein, der den berüchtigsten Film der NS-Zeit inszeniert hat - einen Film, den unsere Eltern oder Großeltern wahrscheinlich gesehen haben (die Chancen stehen 1:2), wir, die Nachgeborenen, aber nur, wenn wir zu einer kleinen Minderheit gehören, weil er verboten ist. Was ist das für ein Film, der als so gefährlich eingeschätzt wird, dass die Allgemeinheit nur einige Schnipsel daraus sehen darf, dass er in voller Länge lediglich in geschlossenen Veranstaltungen gezeigt werden darf und im Beisein eines Experten, mit Einführung und Diskussion?


Nackt in Venedig

Die Welturaufführung von Jud Süß fand am 5. September 1940 anlässlich der deutsch-italienischen Filmwoche in Venedig statt. Extra angereist waren der Regisseur Veit Harlan und seine beiden Hauptdarsteller, Kristina Söderbaum und Ferdinand Marian. Die italienischen Kritiker waren sehr angetan. In dem, was sie später schrieben, ging es um die Filmkunst, nicht um den Antisemitismus. Daraus kann man entweder schließen, dass diese Kritiker sich nicht am Antisemitismus störten oder aber, dass sie ihn ignorierten und einen anderen Film sahen als den, den Goebbels haben wollte. Michelangelo Antonioni, damals noch nicht der berühmte Regisseur, meinte im Corriere Padano: "Wir sagen es ohne Umschweife: wenn es sich hier um Propaganda handelt, dann begrüßen wir Propaganda. Dies ist ein packender, eindringlicher, außergewöhnlich wirkungsvoller Film." Und über Marian in der Titelrolle: "Das Spiel der Hände, der Blicke, Tönungen der Stimme, Bewegungen des Körpers, alles ist vollendet." Das war ein guter Anfang für einen Film, den bis zum Ende des Krieges etwa 40 Millionen Menschen sahen, die Hälfte davon Deutsche (im Deutschen Reich also ungefähr jeder Dritte).

Kristina Söderbaum und Ferdinand Marian in Jud Süß

Ein paar Jahre nach dem Krieg wollte man in Deutschland gern glauben, dass an den Verbrechen des Dritten Reichs eine kleine Clique von Nazi-Bonzen schuld war, die irgendwie abartig und pervers gewesen waren und alle anderen verführt hatten. Für Harlan hatte die Reise nach Venedig deshalb unerwartete Folgen. Als man ihm wegen Jud Süß den Prozess machte, trat auch Otto Jacobs als Zeuge auf, kürzlich noch Pressesprecher und Stenograph von Joseph Goebbels. Jacobs wurde über das angebliche Nacktbaden von Harlans Gattin Kristina Söderbaum in Venedig befragt, das - wieder angeblich - auf Film festgehalten wurde, damit sich der daheim gebliebene Goebbels damit verlustieren konnte. Das war scheinbar so wichtig, dass es in einem wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" angestrengten Prozess erörtert werden musste. Aber so weit sind wir noch nicht.

Auch deutsche Journalisten berichteten über die Aufführung in Venedig. Hans-Walther Betz begeisterte sich in Der Film (7.9.1940) daran, dass Jud Süß eine "profunde Auseinandersetzung mit entscheidenden weltanschaulichen Fragen (und hier biologischen Problemen der Volks-Existenz)" biete. Seine Leser konnte Herr Betz beruhigen: "In Deutschland ist dieses Problem gelöst, anderwärts in Europa reift es seiner Bereinigung entgegen." Texte wie diese stimmten die Kinogeher auf den Film ein, der am 24. September 1940, im Ufa-Palast am Zoo, feierliche Deutschland-Premiere hatte.

Der Ufa-Palast war das größte und prächtigste Kino der Hauptstadt. Zur Premiere erschienen fast das gesamte Kabinett, Offiziere des Oberkommandos der Wehrmacht, Professoren, hohe Parteifunktionäre, Ministerialdirektoren, sonstige Vertreter des öffentlichen Lebens. Harlan und Marian durften neben dem Propagandaminister in dessen Loge sitzen. Goebbels trug die Gala-Uniform der SA, und auch alle anderen, die eine Uniform besaßen, hatten diese angezogen. Am Schluss gab es rauschenden Beifall. Der Film erhielt die Prädikate "Staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" und "Jugendwert". Die Kritiker schrieben wahre Hymnen. "Der Führer ist sehr eingenommen vom Erfolg von Jud Süß", notierte Goebbels am 26. September in sein Tagebuch. "Alle loben den Film über den grünen Klee, was er auch verdient."


Der Abwehrkampf

Ein solches Lob, kann man einwenden, ist nicht verwunderlich, weil Goebbels es selbst verordnet hatte und es in Deutschland eine gleichgeschaltete Presse gab. Als Erklärung reicht das jedoch nicht aus. Wenn es so einfach gewesen wäre, hätten auch andere Hetzfilme des Dritten Reichs Stürme der Begeisterung entfacht. Sie wurden aber zumeist viel kritischer gesehen als Jud Süß, der für Karl Korn, Feuilletonchef von Das Reich (29.9.1940), die "Wende der deutschen Filmkunst zum Ideenfilm" einleitete, denn: "Man spürt und erkennt aus diesem Film, daß das jüdische Problem in Deutschland innerlich bewältigt ist." Das Reich war ein Wochenblatt für Gebildete. Deutlicher wurde die Litzmannstädter Zeitung (26.10.1940), deren zu Polen gehörendes Verbreitungsgebiet am 26. Oktober 1939 von deutschen Truppen besetzt worden war:


Der Film, der aus Anlass der Feierlichkeiten unseres Gaues vor zwei Tagen in Posen in Anwesenheit des Gauleiters und namhafter Vertreter von Partei und Staat im Lande an der Warthe erstaufgeführt wurde, hinterließ auch in Litzmannstadt den allerstärksten Eindruck. Wer würde nicht im Banne jener dramatischen Wucht stehen, mit der ein Kapitel neuerer Geschichte gestaltet wird! Wer würde nicht in diesem Jud Süß so manchen wieder erkennen, der früher im alten Lodz durch die Straßen ging. Und wem würde das Herz nicht höher schlagen, wenn er Zeuge dessen sein darf, wie sich die tapferen Württemberger als handfeste Deutsche zeigen und den ganzen jüdischen Klüngel mit dem Einsatz ihres Lebens ganz einfach zum Teufel jagen.

Friedrich Knilli zitiert in seinem Marian-Buch Ich war Jud Süß aus der Berliner Illustrierten Zeitung, die Standphotos von Süß' Hinrichtung im Film mit Photos von der Deportation polnischer Juden im Jahre 1940 kombinierte:


Am 4. Februar 1738: Auf dem Richtplatz von Stuttgart wird Josef Süß Oppenheimer, vom Volksmund Jud Süß genannt, hingerichtet. [...] 200 Jahre später: Die Juden verlassen Krakau. Nach der Beendigung des polnischen Feldzuges war die Lösung der Judenfrage im Generalgouvernement eines der vordringlichen Probleme. [...] Ein jahrhundertelanger Abwehrkampf gegen das immer von neuem eindringende Judentum findet seinen Abschluss.

Damit scheint alles gesagt zu sein. Jud Süß wird gewohnheitsmäßig als erster genannt, wenn es um die schlimmsten NS-Filme geht. Aber erübrigt sich damit die weitere Diskussion? Ist das ein ausreichender Grund, ihn in Deutschland unter Verschluss zu halten? Sind wir immer noch so anfällig für antisemitische Pamphlete, dass Harlans Melodram unter Quarantäne gehalten werden muss? Und was wissen wir eigentlich über Jud Süß?



Für einen Film, über den so große Einigkeit herrscht, sind die gesicherten Informationen erstaunlich dürftig. 1921 soll Ludwig Metzger ein erstes Exposé verfasst haben, das sich wohl an der gleichnamigen Novelle von Wilhelm Hauff orientierte und das niemand haben wollte. 1938 reichte Metzger den Stoff bei Alf Teichs ein, dem Chefdramaturgen der Terra. Der Produktionschef Alfred Greven lehnte das Projekt ab, und das soll der Grund dafür gewesen sein, dass er zur Ufa versetzt wurde. Dr. Peter Paul Brauer wurde von Goebbels zu seinem Nachfolger bestimmt. Im April 1939 (15.4.) war im Film-Kurier unter "Interessante Filmstoffe der Terra-Filmkunst" zu lesen: "Direktor Brauer hat sich selber zur Inszenierung [...] den Jud Süß vorbehalten, zu dem seine Mitarbeiter bereits jetzt eingehende historische Studien in Stuttgart betreiben." Das Drehbuch schrieb Eberhard Wolfgang Möller, mit Unterstützung von Ludwig Metzger. Auf Möller, Träger des Stefan-George-Preises, fiel die Wahl, weil er Autor des antisemitischen Theaterstücks Rothschild siegt bei Waterloo war.

Der Film-Kurier war ein beliebtes, zeitungsmäßig aufgemachtes Blatt mit einer Auflage von über 8000 Exemplaren und nicht etwa die Geheimpostille einer kleinen Gruppe von Nazi-Ideologen. Darum ist es aufschlussreich, dass er im Oktober 1939 berichtete, Jud Süß werde "der erste antisemitische deutsche Film" sein. Das war positiv gemeint und in der Erwartung geschrieben, dass die Leser es auch so verstehen würden. Über Jud Süß ist seither so viel behauptet worden, dass man den Eindruck gewinnen kann, Veit Harlan sei der Erfinder des Antisemitismus gewesen und habe diesen durch seinen Film einem wehrlosen Kinopublikum eingeimpft, was dann zur Judenverfolgung führte. Ganz so einfach war es aber nicht.

Zur Erinnerung: Im April 1933 wurde durch die "Arierparagraphen" im "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" damit begonnen, die rechtliche Gleichstellung der Juden in Deutschland zurückzunehmen, was in den folgenden Jahren dazu führte, dass Juden legal aus Berufen und Verbänden gedrängt werden konnten. Im September 1935 wurden die "Nürnberger Gesetze" verabschiedet. "Zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" waren fortan Eheschließungen sowie außerehelicher Geschlechtsverkehr "zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes" verboten. Zuwiderhandlungen konnten mit Zuchthaus bestraft werden. 1938 wurden Gesetze erlassen, die es staatlichen Stellen (und nicht nur diesen) ermöglichten, Juden legal auszurauben. Da Eigentum nun "arisiert", also den jüdischen Mitbürgern gefahrlos weggenommen werden konnte, waren nicht alle Antisemiten begeistert von der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Dabei wurden Sachwerte vernichtet, die potentiell bald ihnen hätten gehören können. Anschließend wurden die Juden zu "Sühneleistungen" herangezogen. Raubzugcharakter hatte auch die Aktion vom 10. November 1938, in deren Verlauf mindestens 26 000, vielleicht sogar 30 000 Juden in Konzentrationslager gebracht wurden. Betroffen waren vor allem solche Menschen, bei denen es sich "lohnte", weil sie noch etwas hatten, das man rauben konnte. Bis zur ersten Ankündigung von Jud Süß im Film-Kurier hatten mehr als 100 000 "nicht-arische" Deutsche ihr Heimatland verlassen, wofür eine "Reichsfluchtsteuer" fällig wurde.


Befehlsnotstand

"Dramaturg Teichs und Produktionschef Dr. Brauer", schreibt Dr. Fritz Hippler, ehemaliger Reichsfilmintendant, in seinen Memoiren (Die Verstrickung), gaben sich "die größte Mühe", das Projekt voranzutreiben, aber "zu Goebbels' großem Ärger war nichts Brauchbares herausgekommen". Die Berichte darüber, wie es dann weiterging, sind anekdotisch. Brauer behauptete später, er habe den Film nur persönlich inszenieren wollen, um Schlimmeres zu verhüten. Das blieb ihm verwehrt. Hippler zufolge war daran indirekt Heinz Rühmann schuld. Bei der Teestunde in Goebbels' Landhaus erzählte Brauer von Rühmanns Überlegungen, ins Ausland zu gehen (seine Ex-Frau war Jüdin, und inzwischen war er mit Hertha Feiler verheiratet, nach Nazi-Kategorien eine "Vierteljüdin"). Was zur Unterhaltung der versammelten Bonzen gedacht war, löste beim Propagandaminister einen Wutanfall aus. Hippler musste den Fall untersuchen und entlastete Rühmann, worauf Goebbels Brauer sein Vertrauen entzog.


Géza von Cziffra schreibt in seinem Erinnerungsbuch Kauf dir einen bunten Luftballon, dass Brauer ihm erzählt habe, der Intrigant Veit Harlan habe bei Goebbels interveniert und alles getan, um an seiner Stelle den Film drehen zu dürfen. Hippler dagegen behauptet, Harlan habe sich "mit Händen und Füßen gegen diesen Auftrag" gewehrt. Harlan selbst berichtet in seinen Memoiren (Im Schatten meiner Filme), er habe sich freiwillig an die Front gemeldet, um diesem Regieauftrag zu entgehen. Goebbels habe ihm deshalb den "kriegsdienstlichen Befehl" zur Inszenierung gegeben und ihn gewarnt, dass er bei einer Weigerung damit rechnen müsse, wie ein Deserteur behandelt (= erschossen) zu werden. Diesen schriftlichen Befehl, falls es ihn gegeben haben sollte, muss Harlan wohl verloren haben. In seinem Rechtfertigungsbuch ist er nicht abgedruckt.


Sicher ist nur, dass im November 1939 der Beginn der Dreharbeiten wieder einmal verschoben und im Januar 1940 plötzlich Harlan als Regisseur genannt wurde (Der Film, 20.1.1940). Am wahrscheinlichsten ist, dass Goebbels Brauer nicht zutraute, aus dem Stoff den gewünschten Film zu machen, Harlan aber schon. Der Sachverhalt des "Befehlsnotstands", den Harlan und viele andere für sich geltend machten, ist objektiv nicht haltbar. Wie stark das subjektive Bedrohungsgefühl war, ob es vorgeschoben oder tatsächlich vorhanden war, kann man nur vermuten. Harlan-Apologeten führen gelegentlich an, dass er in erster Ehe mit der Jüdin Dora Gerson verheiratet gewesen war, dass er jüdische Freunde hatte und dass bei seiner zweiten Hochzeit mit Hilde Körber zwei Juden als Trauzeugen fungiert hatten, weshalb er besonders angreifbar gewesen sei. Im Dokumentarfilm von Felix Moeller schließt Harlans Enkelin Jessica Jacoby aus der Tatsache, dass Nora Gerson sich von ihrem Mann trennte, auf eine narzistische Kränkung, die dann zu seinem Antisemitismus geführt habe. Thomas Harlan spricht im selben Dokumentarfilm darüber, wie sehr es ihn erschreckt, dass jemand wie sein Vater, der kein Antisemit gewesen sei, einen antisemitischen Film wie Jud Süß drehen konnte. Das zeigt die ganze Bandbreite der möglichen Interpretationen.

Veit Harlan (Aus Felix Moellers Dokumentarfilm "Harlan - Im Schatten von Jud Süß". Bild: Salzgeber)

Der Schauspieler Albrecht Schoenhals, der als Darsteller der Titelfigur in Frage kam, erschien nicht zu den von Goebbels angeordneten Probeaufnahmen. Auf Anraten seines Anwalts schrieb er einen diplomatischen Brief, in dem er geltend machte, dass die Rolle nicht in sein Fach gehörte. Seine bis dahin sehr erfolgreiche Filmkarriere im Dritten Reich war damit vorbei. Er und seine Frau Anneliese Born zogen in ihr Ferienhaus im Schwarzwald und hielten sich mit Theaterprogrammen über Wasser. Daraus kann man schließen, dass auch Ferdinand Marian nicht wirklich gezwungen war, die Rolle zu übernehmen. Wer nach Entschuldigungen sucht, kann darauf verweisen, dass mit jeder Absage der Druck auf die verbliebenen Kandidaten zunahm.

Solange keine Dokumente ans Licht kommen, die etwas anderes belegen, spricht viel dafür, dass Harlan nicht um Leib und Leben, wohl aber um seine Zukunft als Filmregisseur hätte fürchten müssen, wenn er sich verweigert hätte. Andererseits bedeutete es einen Karrieresprung, der Regisseur von Jud Süß zu sein, denn es handelte sich um eines von Goebbels' Prestigeprojekten. Harlan gab Möllers reichlich plumpem Drehbuch eine durchdachtere Figurenkonstellation, eine stringente Handlungsführung und ein neues Konfliktschema oder, anders gesagt, eine brauchbare Dramaturgie. Seine Anhänger meinen, dass er gar nicht anders konnte, als die bestmögliche Arbeit abzuliefern, weil er ein Künstler war. Seine Gegner sagen, dass der Opportunist Harlan in Jud Süß eine Karrierechance sah, die er unbedingt nützen wollte. Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, dass er sich mit Verve in die Arbeit stürzte, sobald er den Regieauftrag übernommen hatte. Wenn er das nicht getan hätte, wäre Jud Süß heute vielleicht vergessen und nicht ein Symbol des Antisemitismus, wäre Harlan nicht "Des Teufels Regisseur", wie ihn Frank Noack im Untertitel seiner lesenswerten Biographie nennt, die bei uns allzu rasch unter der Rubrik "Verharmlosung der NS-Zeit" abgelegt wurde, weil sie sich an ein Tabuthema wagt und manchmal, aus der Defensive argumentierend, übers Ziel hinausschießt.


Antisemitische Versuche

Im NS-Film gab es von Anfang an viel Antisemitismus, aber den antisemitischen Klischees entsprechende Juden wurden zunächst nur als Nebenfiguren aufgeboten. Die erste jüdische Hauptfigur bekam das Kinopublikum im schwedischen Lustspiel Pettersson & Bendel (1933) zu sehen: Im Stockholmer Hafen geht ein blinder Passagier von Bord, der sich Bendel nennt. Dieser Klischee-Jude verwickelt den naiven Arbeitslosen Pettersson in kriminelle Geschäfte. Als Bendels Finanzmanipulationen auffliegen, reist der Heimatlose weiter. In Deutschland erhielt der Film das Prädikat "Staatspolitisch wertvoll". 1935 wurde er mit der sehr hohen Zahl von 70 Verleihkopien gestartet, mit den Antisemitismus verstärkenden Untertiteln. Nach der Berliner Premiere im Juli 1935 gab es judenfeindliche Ausschreitungen, die wie in solchen Fällen üblich zum "Ausdruck spontanen Volkszorns" erklärt wurden, aber von den Nazis organisiert waren. Im Dezember 1938, einen Monat nach der Pogromnacht, kam das Lustspiel in einer nun synchronisierten Fassung erneut in die Kinos. Begleitend erschienen antisemitische Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Pettersson & Bendel wurde zur Rechtfertigung der Nürnberger Gesetze und der Judenverfolgung verwendet. Danach durfte niemand mehr behaupten, er habe vorher nicht wissen können, was die Nazis aus einem Film wie Jud Süß machen würden. Trotzdem wurde das im von einer kollektiven Amnesie befallenen Nachkriegsdeutschland zu einer beliebten Verteidigungsstrategie.

In Schweden war man bestürzt darüber, wie leicht sich das scheinbar harmlose, gedankenlos mit stereotypen Zuschreibungen operierende Lustspiel Pettersson & Bendel instrumentalisieren ließ. In der Folge verzichtete der schwedische Unterhaltungsfilm auf Figuren wie Bendel. In Deutschland dagegen verlangten sogenannte "Filmkritiker" endlich auch heimische Produktionen dieser Art. Die Antwort auf die von Goebbels angeordnete Forderung war Robert und Bertram (1939), ein antisemitisches, in jeder Hinsicht miserables Biedermeier-Musical von Hans H. Zerlett. Leinen aus Irland (1939), ein Industriedrama mit bösem Juden von Heinz Helbig, war kaum besser. Das Grundproblem dieser und ähnlicher Machwerke ist die Dramaturgie. Aus an simplen Schwarz-Weiß-Mustern ausgerichteten, mit platten Abziehbildern statt mit runden Charakteren operierenden Geschichten lassen sich keine interessanten, das Publikum mitreißende Filme machen.


Das Ziel von Erich Waschnecks Die Rothschilds (1940) ist es, am Aufstieg des Bankhauses Rothschild zur Zeit der Napoleonischen Kriege das verderbliche Wirken einer "Internationale des Judentums" aufzuzeigen. Der Film ist so plump, dass man es fast nicht glauben mag. Man darf aber nicht vergessen, dass in Deutschland ein Mann Reichskanzler war, der in Mein Kampf Sätze wie diese geschrieben hatte:


Denn indem der Zionismus der anderen Welt weiszumachen versucht, daß die völkische Selbstbesinnung des Juden in der Schaffung eines palästinensischen Staates seine Befriedigung fände, betölpeln die Juden abermals die dummen Gojim auf das gerissenste. Sie denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltgaunerei, einen Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner.

Nathan Rothschild gibt Hitler Recht. Am Ende des Films steht er in London vor einer Landkarte, in die er die Niederlassungen seiner Familie in Paris, Frankfurt, Wien und Neapel einträgt. Nachdem er noch Jerusalem als "Stammhaus" hinzugefügt hat, lassen sich die einzelnen Punkte auf der Landkarte so verbinden, dass man den Davidsstern erhält, der sich im letzten Bild wie das Netz einer Spinne über Großbritannien legt. Am 30. Januar 1939 hatte Hitler in einer Rundfunkansprache erklärt:


Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in oder außerhalb Europa gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.

Am 1. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Polen ein. Mit der Verfolgung der polnischen Juden erreichte der Antisemitismus eine neue Eskalationsstufe, die schließlich zu den Massendeportationen und den Vernichtungslagern führte. 1941 kam Die Rothschilds mit dem Untertitel "Aktien auf Waterloo" wieder in die Kinos. Am Schluss war ein Text angefügt, der davon berichtete, dass die Juden inzwischen auf der Flucht seien und der zum Kampf gegen die englische Plutokratie aufrief.

Anarchie in "Die Drei von der Tankstelle"

Die Rothschilds ist das antisemitische Remake von The House of Rothschild (1934). Goebbels träumte davon, den deutschen Film zum ebenbürtigen Konkurrenten Hollywoods zu machen. Statt aber etwas Neues und Eigenständiges zu erschaffen, bemühten sich die Deutschen häufig nur um die NS-Version bestehender Hollywood-Produktionen. Deshalb musste auch ein eigener Rothschild-Film her. Das Kino des Dr. Joseph Goebbels ist zum allergrößten Teil erschreckend unoriginell. Wer es entzaubern will, braucht nur den Tanzfilmen mit Marika Rökk die viel besseren Vorlagen von Busby Berkeley gegenüberzustellen. Das wunderbar Anarchische von Wilhelm Thieles Die Drei von der Tankstelle (1930) hatte im Beamtenfilm des Dritten Reichs keinen Platz.


Virtuoser Philosemitismus

Für Jud Süß gilt dasselbe wie für Die Rothschilds: Der Film ist das in antisemitischer Absicht hergestellte Imitat von etwas, das es schon gab. Hier muss man den 1925 erschienenen Roman erwähnen, mit dem Lion Feuchtwanger ein in viele Sprachen übersetzter Bestseller gelang. In Deutschland wurde Feuchtwangers Jud Süß 1933 verbrannt. In England wurde das Buch verfilmt. Die Meinungen über Jew Süss (1933/34) lassen sich so zusammenfassen: Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint". Der Film ist aber um einiges besser als sein Ruf. Er ist nur sehr uneinheitlich. Bauten und Dekors sind beste deutsche Schule; Alfred Junge, Leiter der Ausstattungsabteilung der Produktionsfirma Gaumont, hatte sein Handwerk in Berlin gelernt. Lothar Mendes, der Regisseur, war 1926 nach Hollywood gegangen, seit 1933 arbeitete er in Großbritannien. Er brachte viel Erfahrung mit, filmte jedoch die meisten Dialogszenen so hölzern ab, wie sie geschrieben sind. Das fällt umso mehr auf, als die von Bernard Knowles und Roy Kellino virtuos gehandhabte Kamera in anderen Szenen zu ausgedehnten Fahrten aufbricht und in fließenden Bewegungen den Raum erforscht. Das hat mitunter Hitchcock-Qualität.


Mendes konnte einen so aufwendigen Film drehen, weil der große expressionistische Schauspieler Conrad Veidt die Titelrolle übernahm. Veidt war nicht nur der Nazi-Offizier, der von Humphrey Bogart am Flughafen von Casablanca erschossen wird. Er war einer der wichtigsten und einflussreichsten Darsteller des Stummfilms (Das Cabinet des Dr. Caligari), und sein Gwynplaine in Paul Lenis The Man Who Laughs war das Vorbild für den Joker in den Batman-Comics. Durch seine Rollen in Michael Powells Filmen The Spy in Black (1939) und Contraband (1940) tat er so viel für den Ruf der Deutschen in Großbritannien, dass man ihm posthum das Bundesverdienstkreuz hätte verleihen sollen (er starb 1943), das dann aber ganz andere bekamen.

Die Briten verehrten und bewunderten Conrad Veidt. Goebbels hätte ihn gern für seine Zwecke eingespannt. Aber Veidt übernahm 1933 die Rolle des ewigen Juden in Maurice Elveys The Wandering Jew, um anschließend, als Süß Oppenheimer, zu großer Form aufzulaufen. Veidt war ein Spezialist für von äußeren und inneren Dämonen gemarterte Charaktere. Sein Süß strebt nach der Macht, um in einer antisemitischen Gesellschaft nicht länger das Opfer und der Außenseiter sein zu müssen. Dafür verkauft er seine Seele. Um den erlangten Status am Württembergischen Hof nicht zu gefährden, lässt er es zu, dass der Herzog die Frau vergewaltigt, die er liebt. Als seine eigene Tochter auf der Flucht vor dem geilen Herzog in den Tod stürzt, zerbricht er daran. Er wird zum tragischen Helden, leitet mit dem Untergang des Herzogs bewusst auch den eigenen ein.

Jew Süss ist kein Meisterwerk, aber ein bewegender Film und nicht das eindimensionale philosemitische Gesinnungskino, als das er meistens beschrieben wird. Süß ist nicht der Sympathieträger, weil er Jude ist, sondern weil er so zerrissen ist und von Conrad Veidt gespielt wird, der in den besonders formelhaften Dialogpassagen so tut, als befände er sich in einem Stummfilm oder der ganz auf die Wirkung seiner Stimme vertraut. Im Oktober 1934 lief der Film in mehreren Wiener Kinos an. Von deutschnationalen und katholischen Zeitungen wurde er heftig angegriffen. Es gab Krawalle. In Deutschland erschienen Berichte über "Demonstrationen gegen den Film Jud Süß":


Der Regisseur des Films, ein nach England ausgewanderter polnischer Jude [Mendes war Berliner], scheute sich nicht, sämtliche Nichtjuden in dem Film als moralisch minderwertige und sogar menschlich entartete Wesen darzustellen.
Deutsche Zeitung, 19.10.1934

Der Satz ist entlarvend. Mendes wird vorgeworfen, mit den Nichtjuden im Film das zu machen, was die Nazis mit den Juden machten. Außerdem stellt sich am Ende heraus, dass Süß im Sinne der Nazis gar kein Jude ist, sondern der uneheliche Sohn eines Ariers, was ihn aber nicht daran hindert, sich der jüdischen Kultur zugehörig zu fühlen und in einer antisemitischen Gesellschaft als Jude zu sterben.


Der Führer ist bester Laune

In Österreich wurden nicht diejenigen als "öffentliches Ärgernis" eingestuft, die die Krawalle angezettelt hatten, sondern der davon betroffene "jüdische Propagandafilm", der von den Behörden verboten wurde. Dafür gab es viel Lob von den deutschen Nachbarn, bei denen Jew Süss erst gar nicht laufen durfte, weil er Teil der "jüdischen Weltverschwörung" war (nur das Reichsfilmarchiv hatte sich eine Kopie besorgt). Hier exemplarisch das Gegeifer aus dem Völkischen Beobachter (23.11.1934):


Es ist bekannt, daß die jüdische Filmproduktion Englands zwei grobe Sensationsfilme für Zwecke jüdischer Propaganda drehen ließ, und zwar den Film "Der wandernde Jude" und einen zweiten, "Jud Süß". [...] Conrad Veidt wurde für diesen Verrat an seinem Lande bezahlt - durch das Lob der jüdischen Öffentlichkeit. Damit ist er menschlich nicht mehr würdig, daß auch nur ein Finger in Deutschland sich zu seinem Lobe rührt.

Goebbels dachte darüber nach, Jew Süss mit einer antisemitischen Synchronisation versehen zu lassen und so den deutschen Kinogehern zu zeigen, dass auch das Ausland die "jüdische Gefahr" erkannt habe, entschied sich aber letztlich doch dagegen. Er wollte lieber seine eigene Version von Jud Süß, zu deren Verständnis Mendes' Feuchtwanger-Adaption unbedingt mit dazugehört. Harlans Film sieht man an, dass der Regisseur und seine wichtigsten Mitarbeiter die britische Produktion genau studiert hatten. Das gilt insbesondere für Otto Hunte und Karl Vollbrecht, die früher für Fritz Lang gearbeitet hatten (Die Nibelungen, Metropolis) und deren Bauten - um es höflich zu sagen - stark von denen in Jew Süss inspiriert sind. Am 5. Dezember 1939 notierte Goebbels in sein Tagebuch:


Mit Harlan und Müller [gemeint ist Eberhard Wolfgang Möller] den Jud-Süßfilm besprochen. Harlan, der die Regie führen soll, hat da eine Menge neuer Ideen. Er überarbeitet das Drehbuch nochmal. Beim Führer. Er sieht großartig aus und ist bester Laune. [...] Er hört sich alles genau an und teilt ganz meine Ansicht in der Juden- und in der Polenfrage. Die Judengefahr muß von uns gebannt werden.

Die Frage ist, welche Rolle Jud Süß dabei zukam? Vermutlich haben die meisten Telepolis-Leser den Film nie gesehen. Hier also eine knappe Inhaltsangabe:

1733. Karl Alexander (Heinrich George), zum fetten Lebemann mutierter Kriegsheld, wird Herzog von Württemberg. Weil ihm die Landstände kein Geld bewilligen, lässt er den reichen Juden Süß Oppenheimer (Ferdinand Marian) in die Residenzstadt Stuttgart kommen. Süß finanziert dem Herzog eine Oper, ein Ballett und eine Leibgarde und ist sehr erfinderisch beim Einführen von Brückenzöllen und Wegegeld. Während durch die Abgaben die Lebensmittelpreise steigen, wird der genusssüchtige Herzog immer abhängiger von seinem Hofjuden, den er durch einen Freibrief von jeglicher Verantwortung für sein Handeln entbindet. Schließlich hebt er auf Süß' Betreiben den Judenbann auf. Neue Juden kommen nach Stuttgart. Um seine Tochter Dorothea vor Süß' Nachstellungen zu schützen, verheiratet der Landschaftskonsulent Sturm sie in aller Eile mit ihrem Verlobten, dem Aktuarius Faber. Sturm wird wegen Verschwörung verhaftet. Süß ermutigt den Herzog, die Verfassung außer Kraft zu setzen und sich zum absolutistischen Herrscher zu machen. Faber, einer der Anführer des geplanten Aufstands gegen den Herzog, wird verhaftet und gefoltert. Dorothea lässt sich von Süß vergewaltigen, um ihren Mann zu retten. Dann ertränkt sie sich im Neckar. Der Aufstand bricht los, der Herzog stirbt an einem Schlaganfall. Süß wird zum Tode verurteilt und in einem eisernen Käfig gehängt. Alle Juden müssen innerhalb von drei Tagen das Land verlassen.



Coitus interruptus

Jud Süß ist keine Verfilmung des Romans von Lion Feuchtwanger, übernimmt aber daraus (bzw. aus Mendes' Adaption) viele Elemente. Bei Feuchtwanger hat Süß eine Schwester, die versucht, der Vergewaltigung durch den geilen Herzog zu entgehen und dabei zu Tode kommt. Bei Veit Harlan vergewaltigt der Jude Süß die blonde Dorothea. Das war einer von Harlans Beiträgen zum Drehbuch, auf den zwangsläufig jeder zu sprechen kommt, der sich über den Film äußert. Weniger spektakulär, dafür aber noch infamer ist etwas anderes: Im Film von Mendes hat der verwitwete Süß ein derart zärtliches und liebevolles Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Mutter, und Veidt spielt das mit so viel Hingabe, dass man heutzutage, weil es so ungewöhnlich wirkt, fast an Inzest denkt (was weder beabsichtigt ist noch 1934 so verstanden wurde). Harlans Süß dagegen hat weder Eltern noch Geschwister.

Jew Süss

In einer Schlüsselszene des Films erzählt Süß der jungen Dorothea, dass er schon in allen europäischen Metropolen war und sich überall zuhause fühlt. Dorothea ist erschrocken: "Hat Er denn keine Heimat?" Seine Heimat, erwidert Süß, sei die ganze Welt. Das ist das jüdische, von den Nazis unterstellte "Kosmopolitentum", das im Dritten Reich zum Schimpfwort wurde. Die Realität war diese: Als Jud Süß 1940 in Berlin aufgeführt wurde, lebten dort noch etwa 100 000 Juden. Sie alle waren von einem Vater gezeugt und von einer Mutter geboren worden. Die überwiegende Mehrheit hätte gesagt, dass nicht die Welt, sondern Berlin ihre Heimat sei und höchstens deshalb mit der Antwort gezögert, weil sie in dem Land, dessen Bürger sie waren, diskriminiert und verfolgt wurden.

Jud Süß war einer von zwei Kassenschlagern der Spielzeit 1940/41. Übertroffen wurde er nur von Wunschkonzert, gemeinsam mit Die große Liebe der längste Coitus interruptus der Filmgeschichte: Inge Wagner (Ilse Werner) verliebt sich bei der Olympiade in Berlin in den Fliegeroffizier Herbert Koch (Carl Raddatz), der dummerweise unter strengster Geheimhaltung mit der Legion Condor nach Spanien muss, um Guernica zu bombardieren. Inge wartet drei Jahre lang auf ihren Herbert, den sie kaum kennt und der ohne ein Wort verschwunden ist. Als er wieder auftaucht, geht der Zweite Weltkrieg los. Herbert muss gegen die Polen kämpfen. Inge wartet unverdrossen weiter und bleibt trotz mancher Demütigung der gute Kamerad, der die Frauen nach Wunsch der Nazis zu sein hatten, damit die Männer ungestört Krieg führen konnten.

Andererseits war es die Bestimmung der Frau, Mutter zu werden und so den Fortbestand der arischen Rasse zu sichern. Weil es nicht nur arische Männer gab, blieb das nicht ohne Tücken. Jud Süß zeigt daher die Frau als die Gefährdete. Dorothea bringt den Juden, der sie später vergewaltigen wird, selbst in die Stadt. Damit das nicht unbemerkt bleibt, gibt es einen Dialog, in dem Faber, der arische Held, Dorothea (und den Zuschauer) darauf aufmerksam macht, was sie getan hat. Dorotheas Verhältnis zu Süß ist durchaus ambivalent. Dafür hätte jemand eine Nennung als Mit-Autor verdient gehabt, dessen Beitrag bisher nicht ausreichend gewürdigt wurde: Adolf Hitler. Aus Mein Kampf, S. 580f:


Jeder Volkskörper kann in drei große Klassen gegliedert werden: in ein Extrem des besten Menschentums auf der einen Seite, gut im Sinne aller Tugenden, besonders ausgezeichnet durch Mut und Opferfreudigkeit, andererseits ein Extrem des schlechtesten Menschenauswurfs, schlecht im Sinne des Vorhandenseins aller egoistischen Triebe und Laster. Zwischen beiden Extremen liegt als dritte Klasse die große, breite mittlere Schicht, in der sich weder strahlendes Heldentum noch gemeinste Verbrechergesinnung verkörpert.

"Die Psyche der breiten Masse", schreibt Hitler (44) in schlechtem Deutsch, sei "gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Gründe abstrakter Vernunft bestimmt wird, als durch solche einer undefinierbaren, gefühlsmäßigen Sehnsucht nach ergänzender Kraft, und das sich deshalb lieber dem Starken beugt, als den Schwächling beherrscht [...]." Das heißt: Die Frau (= die Masse) will unbewusst vom Starken vergewaltigt werden, was das gehäufte Auftreten von sado-masochistischen Beziehungen im NS-Film erklären kann. Das macht sie anfällig für Verführer. Der ursprünglich als Jud Süß vorgesehene Emil Jannings wäre deshalb eine Fehlbesetzung gewesen.


Vampire und Blutegel

Wenn man erst verstanden hat, dass Jud Süß die filmische Umsetzung von Hitlers Volkskörper-Ideen ist, wird auch klar, warum Goebbels den trockenen Bürokraten Brauer durch den großen Erotomanen unter seinen Regisseuren ersetzte. Und Harlan suchte sich einen Darsteller mit Sex Appeal. Ferdinand Marian war Kinogehern eher unbekannt, hatte jedoch kürzlich am Deutschen Theater als Jago in einer Othello-Aufführung brilliert. Das war sein Unglück, denn Harlan scheint ihn deshalb ausgewählt zu haben. "Mit Marian über den Jud Süßstoff gesprochen", schrieb Goebbels am 5. Januar in sein Tagebuch. "Er will nicht recht heran, den Juden zu spielen. Aber ich bringe ihn mit einigem Nachhelfen doch dazu."

Die Liste derer, die sich alle Mühe gaben, den Süß nicht spielen zu müssen, ist lang. Sie reicht von Gustav Gründgens über René Deltgen und Rudolf Fernau bis zu Bernhard Minetti. Daraus kann man auf einen allgemeinen Widerwillen gegen das Projekt schließen, muss es aber nicht. Fritz Hippler schreibt in Die Verstrickung, dass die Schauspieler keine grundsätzlichen Bedenken hatten, wohl aber negative Folgen für ihre weitere Karriere in Nazideutschland fürchteten. Hippler ist allerdings ein schwieriger Zeuge, weil er ein Interesse daran hatte, das eigene Tun zu relativieren. Jedenfalls gibt es ein Protokoll der Ministerkonferenz (25. September), dem zufolge Goebbels die Presse anwies, besonders hervorzuheben, "daß die Schauspieler in den jüdischen Rollen nicht etwa jüdisches Blut haben, sondern eben sehr gute Schauspieler sind".

Der "Hofjude" wird auch in Mein Kampf erwähnt. Im Abschnitt "Der Werdegang des Judentums" (S. 337ff.) wird er als ein Vampir und "ewiger Blutegel" beschrieben, der den Volkskörper aussaugt: "Mit widerlicher Schmeichelei macht er sich an die Regierungen heran, läßt sein Geld arbeiten und sichert sich auf solche Art immer wieder den Freibrief zu neuer Ausplünderung der Opfer." Dafür verantwortlich sind letztlich die Fürsten, deren Rolle "genau so erbärmlich wie die der Juden selber ist". So löst sich der scheinbare Widerspruch auf, dass es in einem NS-Propagandafilm einen Volksaufstand gegen den Herzog gibt, der die demokratische Verfassung abschaffen will. Auch Arier, sagt Hitler, können in die Kategorie des "schlechtesten Menschenauswurfs" gehören. Der Herzog führt vor, wie man dort hineingerät: durch "egoistische Triebe und Laster", die von Jud Süß unterstützt und gefördert werden.

Münchhausen

Karl Alexander wurde 1733 Herzog von Württemberg, also 200 Jahre vor Hitlers "Machtergreifung". Der Film weist besonders darauf hin, setzt aber nicht etwa zwei historische Ereignisse gleich, sondern zeigt die Unterschiede. Die Nazis liebten Paraden. Nicht nur in Leni Riefenstahls Triumph des Willens, sondern auch im "reinen Unterhaltungsfilm" marschieren dauernd Uniformierte in streng geometrischer Formation durch die Stadt. Das Volk steht brav am Straßenrand und jubelt. Am unheimlichsten daran ist, wie geordnet das alles abläuft. Wenn man erst ein Dutzend von diesen Paraden gesehen hat, kann man erahnen, wie befreiend es wohl war, als plötzlich Hans Albers mit gewohnter Nonchalance und ganz unmilitärisch in Bodenwerder einritt (Münchhausen), oder wie frech es von Luis Trenker war, wenn er in Liebesbriefe aus dem Engadin die Touristen in Marschformation anführte und sie "Ski heil!" singen ließ.

Liebesbriefe aus dem Engadin

Geordneter Untergang

Der Anfang von Jud Süß macht dagegen klar, wie ungeordnet die arische Welt des Jahres 1733 und wie dekadent der fette Herzog ist. Nach Ablegen des Amtseids lässt er sich durch Stuttgart kutschieren. Das Volk jubelt wie gehabt, ist dabei aber so undiszipliniert, dass es von den Soldaten nur mühsam zurückgehalten werden kann. Einer Frau wird im Gedrängel die Bluse vom Leib gerissen. Der Herzog sieht ihre nackten Brüste, freut sich und lacht. Süß wird später seine Macht festigen, indem er Karl Alexander als dessen Zuhälter die Frauen zuführt. Am Ende steht das, was in Mein Kampf bereits angekündigt wird:


In Zeiten bitterster Not bricht endlich die Wut gegen ihn [den Hofjuden] aus und die ausgeplünderten und zugrunde gerichteten Massen greifen zur Selbsthilfe, um sich der Gottesgeißel zu erwehren.

In Jud Süß werden die Massen von autoritären Vaterfiguren und einem braven Schwiegersohn angeleitet. Der Aufstand läuft denn auch so geregelt und ohne Anarchie ab, dass man ihn kaum mitbekommt. Durch ihn wird Unordnung in Ordnung überführt. Süß wird trotz Freibrief der Prozess gemacht. Harlan erzählte vorab in einem Interview (Der Film, 20.1.1940), dass er sich "auch bei der Verurteilung des Jud Süß genau an die Geschichte" halte. Der historische Süß Oppenheimer habe seine Geschäfte so geschickt betrieben, dass er rechtlich unangreifbar gewesen sei:


Schließlich wurde er auf Grund eines uralten Gesetzes verurteilt, das besagt: "So ein Jude sich mit einer Christin vermenget, ist er des Todes schuldig." Wir sehen hier eine interessante Parallele zu den Nürnberger Gesetzen. Tatsächlich wurde Süß bereits vor 200 Jahren wegen Rassenschande zum Tode verurteilt.

Das stimmt so nicht. Wie es wirklich gewesen war, hätte man leicht nachlesen können, z.B. in Jud Süß Oppenheimer (1926) von Curt Elwenspoek. Dort hätte Harlan erfahren (wenn es ihn interessiert hätte), dass es tatsächlich ein solches Gesetz gegeben hatte, in dem es allerdings um Religion und nicht um Rasse ging und das nicht nur Juden mit dem Tod bedrohte, sondern auch deren christliche Sexualpartner. Elwenspoek:


Hätte man sich auf diesen Punkt der Anklage gestützt, so hätte man Süß zwar ans Leben gekonnt, aber man wäre genötigt gewesen, alle seine Partnerinnen mit auf das Schafott zu schicken. Das hätte einen Massenmord bedeutet, der eine erhebliche Anzahl der angesehensten Familien in Schmach und Trauer gestürzt hätte. Also mußte man diesen Punkt fallen lassen.

Harlan löst das Problem, indem er Dorothea durch Süß vergewaltigen und anschließend den Freitod wählen lässt. So kann sie nicht mehr angeklagt werden. Um die Tat noch schlimmer zu machen, muss das Opfer Jungfrau sein, obwohl es schon verheiratet ist. Dafür wird extra eine Szene eingefügt, in der sich die keuschen Eheleute nach der Hochzeitsnacht darüber unterhalten, dass sie nicht im selben Bett geschlafen haben. Da Dorothea nach der Vergewaltigung Selbstmord begeht, trägt Süß die Schuld an ihrem Tod. Man darf dabei nicht vergessen, dass der Film Geschichtsklitterung betreibt, dass er die im Vorspann versprochenen "historischen Tatsachen" verdreht und neue Elemente hinzu erfindet wie diese Vergewaltigung. Dorothea könnte beschließen, sich nicht umzubringen. Im Rahmen der Nazi-Ideologie ist das aber gar nicht möglich. Getötet wird sie vom Drehbuchautor Harlan.


"Rassenschande" und "getarnte Juden"

Mein Kampf zufolge war die "Rassenschande" für die Arier die größte Gefahr. Dorothea muss sterben, weil sie mit einem Juden Geschlechtsverkehr hatte und vielleicht sogar von diesem geschwängert wurde. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie es freiwillig getan hat oder nicht. Zum Happy End im Sinne der Nazis gehört ihr Tod zwingend mit dazu. Süß wird nicht wegen Ausbeutung der Bevölkerung oder Verschwörung hingerichtet, sondern wegen "Rassenschande". Die Juden, die er nach Württemberg geholt hat, müssen das Land verlassen. Damit ist der Volkskörper wieder rein. Am Ende verkündet Dorotheas Vater mit lauter Stimme: "Mögen unsere Nachfahren an diesem Gesetz ehern festhalten, auf daß ihnen viel Leid erspart bleibe an ihrem Gut und Leben und an dem Blut ihrer Kinder und Kindeskinder!"

Die Hinrichtungsszene ist so deutlich von Mendes' Jew Süss abgekupfert, dass man von einem dreisten Plagiat sprechen müsste, wenn da nicht Süß' letzte Augenblicke wären. Conrad Veidt wird wie das historische Vorbild zum Opfer eines Justizmordes. Er stirbt aufrecht und mit den Gebetsworten "Schma Isroel" auf den Lippen, die gläubige Juden in der Stunde ihres Todes sprechen. Ferdinand Marian bettelt um sein Leben und wird als Feigling entlarvt. Diesen würdelosen Tod soll Goebbels vor der Abnahme des Films befohlen haben. Ursprünglich soll die Szene so gedreht worden sein, dass Süß als mutiger Mann starb, der seine Feinde verfluchte. Es gibt mehrere Zeitzeugen, die das so bestätigt haben. Tatsächlich überrascht das Ende, weil Süß bis dahin viel souveräner auftritt.

Jud Süß / Kleines eingeklinktes Bild: Jew Süss

Die Entscheidung des Autors und Regisseurs Harlan war es dagegen, sich am klassischen Trauerspiel zu orientieren und in entscheidenden Punkten davon abzuweichen. Interessant ist der Vergleich mit dem Stück Othello, das wegen seines Plots (ein Schwarzer heiratet eine Weiße und bringt sie um) im Dritten Reich gern auf den Spielplan der Theater gesetzt wurde. Shakespeares Mohr spricht anfangs in kunstvollen Reimen. Als er sich von Jago zum Mörder aus Eifersucht machen lässt, wechselt er zu platter Prosa, wodurch sein Abstieg deutlich wird. Nachdem er Desdemona getötet hat, findet er zu alter Größe zurück. Er bekennt sich zu seiner Verantwortung, statt die Schuld auf andere zu schieben. Wie Conrad Veidt in Jew Süss stirbt Othello als tragischer Held. Sprachlich wird das dadurch deutlich, dass Shakespeare ihn wieder in Versen sprechen lässt.

Bei Harlan ist das ganz anders. In Stresssituationen verfällt Süß regelmäßig in ein jiddisch gefärbtes Deutsch. Eine Entwicklung wie bei Shakespeare gibt es nicht. Konsequenterweise schiebt Süß vor Gericht die Schuld auf den Herzog. Es geht nicht um den moralischen Abstieg und den anschließenden Wiederaufstieg eines tragischen Helden, sondern um den gesellschaftlichen Aufstieg eines stets gleichen Charakters, der entlarvt und unschädlich gemacht werden muss. Das ist eines der großen Themen. Der Zeitschrift Der Film (20.1.1940) erzählte Harlan, dass er "das Urjudentum" zeigen wolle, "wie es damals war und wie es sich heute noch ganz rein in dem einstigen Polen erhalten hat. Im Gegensatz zu diesem Urjudentum steht nun der Jud Süß, der elegante Finanzberater des Hofes, der schlaue Politiker, kurz: der getarnte Jude."


Der Süß in Mendes' Jew Süss ist von seinem ersten Auftritt an ein gebildeter und kultivierter Mensch, der die Kleidung eines reichen Kavaliers trägt. Harlan zeigt ihn erstmals in einem Zimmer in der Frankfurter Judengasse (die Szene scheint er aus Die Rothschilds geklaut zu haben, der nach Jud Süß aufgeführt, aber vorher gedreht wurde). Das Zimmer wird von einem mannshohen, mit Juwelen gefüllten Tresor dominiert. Süß trägt Kappe, Kaftan und "Judenbart". Als er nach Stuttgart fährt, ist er rasiert und elegant gekleidet, mit einem Dreispitz auf dem Kopf. Harlan zeigt die Verwandlung mit Hilfe einer das heutige Morphing vorwegnehmenden Überblendung. Diese Überblendung ist berüchtigt. Sie ist auch das Mittel, mit dem Fritz Hippler in seinem "Dokumentarfilm" Der ewige Jude (1940) den galizischen Ghettojuden sichtbar macht, der sich angeblich unter jedem assimilierten Juden verbirgt. Am Ende, vor Gericht und bei der Hinrichtung, trägt der "getarnte" und jetzt wieder "enttarnte" Jude Süß den angeklebten Bart vom Anfang. Was der Illustrierte Film-Kurier über Der ewige Jude schrieb, hätte er so auch über Jud Süß schreiben können:


Der Jude hat sich in seinem Äußeren stets an seine Gastvölker anzupassen verstanden. Nebeneinanderstellungen der gleichen Judentypen, zuerst als Ostjude mit Kaftan, Bart und Peies, und dann als glattrasierter westeuropäischer Jude, beweisen schlagend, mit welchen Mitteln er die arischen Völker getäuscht hat. Unter dieser Maske gewann er immer mehr Einfluß in arischen Kulturnationen und gelangte zu immer höheren Stellungen. Aber sein inneres Wesen konnte er nicht wandeln.


Antisemitische Abziehbilder

Süß' ständiger Begleiter ist sein Sekretär Levy, der auch in Stuttgart weiter den Kaftan trägt (die "Nebeneinanderstellung"). Werner Krauß spielt ihn als das antisemitische Stereotyp vom schmutzigen jüdischen Geldverleiher. Damit offenbar nicht ausgelastet, gab er noch einen stummen Ghettojuden, einen jüdischen Schächter, einen geilen alten Mann und Rabbi Loew. In den Berichten und Kritiken wurde besonders herausgestellt, welch geniale Leistung der große Schauspieler und Verwandlungskünstler hier bringe. So wurde das Publikum darauf aufmerksam gemacht, dass Krauß "den Juden an sich" bot, also das aus dem Stürmer bekannte Konstrukt der Antisemiten. Harlan zufolge sollte gezeigt werden, dass "der gläubige Patriarch, der gerissene Betrüger, der schachernde Kaufmann usw. letzten Endes aus einer Wurzel kommen".

Jud Süß

Harlan wie Hippler fuhren in die polnischen Ghettos, um dort zu studieren, was sie für das "Urjudentum" hielten oder zumindest in ihren jeweiligen Filmen als solches ausgaben. Hippler wollte dem Publikum "das Judentum an seiner Niststätte" (Kommentar) zeigen. Er fand "eine einzige Apotheose der Dunkelheit des Schmutzes, der Verkommenheit und des brütenden Untermenschentums". Im Warschauer Ghetto die entsprechenden Bilder aufzunehmen, war nicht schwer. Es handelte sich um ein früheres Elendsviertel, in dem man auf engstem Raum eine halbe Million Menschen unter unwürdigsten Bedingungen zusammengepfercht hatte. Dass für die schrecklichen Zustände nicht der jüdische Charakter verantwortlich war, sondern die deutsche Regierung, erfuhr der Zuschauer nicht. Beim von Harlan gefilmten Einzug der Juden in Stuttgart mussten jüdische Komparsen, die dafür aus den Ghettos nach Prag gebracht wurden, ihre eigenen Karikaturen spielen.

Zum Standardrepertoire des antisemitischen Films gehört der Jude bei der Religionsausübung. Laut Drehbuch sollte es in Jud Süß zunächst das Purim-Fest sein, das, Harlan zufolge, "von den Juden als das Fest der Rache an den Goijims, den Christen ausgelegt wird". Im fertigen Film gibt es statt des Rachefestes eine Sabbatfeier. In seinen Memoiren schreibt Harlan, dass nur Antisemiten in Jud Süß einen antisemitischen Film sehen, andere aber nicht. Dazu versichert er scheinheilig, dass er die ebenfalls in Prag gedrehten Synagogenszenen von einem jüdischen Rabbiner gestalten ließ. Von jüdischen Riten verstehe er nichts, und er habe sich ganz herausgehalten. Auch Werner Krauß als Rabbi Loew habe sich genau an die Anweisung des Rabbiners gehalten. Das mag so gewesen sein. Was Harlan verschweigt: Süß nimmt an der Feier teil, um von den reichen Juden das Geld zu erbitten, mit dem er fremde Söldner anwerben will, um das Volk von Württemberg zu unterdrücken. So wird die Synagoge zum Ausgangspunkt der jüdischen Verschwörung. Damit bekam die Sabbatsfeier auch für solche Zuschauer etwas Sinistres, die sie nicht von vornherein als bedrohlich empfanden, weil sie ihnen fremd war.

Felix Moeller hat für seine Dokumentation Im Schatten von Jud Süß Szenen aus dem Film ausgewählt, in denen antisemitische Charaktere schockierend offen ihre antisemitischen Ressentiments ventilieren. Dadurch entsteht ein falscher Eindruck. Antisemitische Dialogsätze ergeben noch keinen antisemitischen Film. Man könnte auch sagen, dass in Jud Süß die Geschichte eines Juden erzählt wird, der sich in einem antisemitischen Land assimilieren möchte und scheitert, weil es zu viele Judenhasser gibt, die immer brüllen müssen, weil sie keine Argumente haben. Dafür ließen sich im Film genauso leicht Szenen finden wie für die antisemitische Interpretation. Es kommt also auf den Zusammenhang an, und auf die Dramaturgie. Ein Bild von Jud Süß kann sich nur machen, wer ihn ganz sieht und nicht ständig dieselben Schnipsel.


Subtile Propaganda

Hipplers Der ewige Jude wurde von Goebbels bald zurückgezogen, weil die Anhäufung antisemitischer Klischees zu offensichtlich war. Er kam nur bei denen gut an, die bereits radikale Antisemiten waren. Ein Propagandafilm braucht ein gewisses Maß an Ambivalenz und muss in der Lage sein, den unschlüssigen Zuschauer im richtigen Moment auf seine Seite zu ziehen. Das erfordert einen Regisseur, der die ästhetischen Mittel des Films beherrscht. Hitchcock hat die Emotionen des Publikums mit den Pfeifen einer Orgel verglichen, auf denen er zu spielen versuche. Harlan hätte ihm sicher zugestimmt. Im Gegensatz zu Leuten wie Hippler, Brauer oder Waschnek verstand Harlan viel von Rhythmus, Timing, Wahl der Einstellung. Seine Spezialität war es, im richtigen Moment das Tempo so zu steigern und alle Orgelpfeifen so zusammenklingen zu lassen, dass das Publikum davon mitgerissen wurde. Man wird Harlan nicht gerecht, wenn man seine Filme auf die Dialoge des Drehbuchs reduziert.

Zur Ambivalenz gehört, dass Süß sich auf Spitzel und Geheimpolizisten stützt, Oppositionelle verhaften und foltern lässt. Die Gestapo war aber ein Machtinstrument der Nazis. Wie solche Projektionen des eigenen Verhaltens auf eine andere Gruppe auf nicht-jüdische Zuschauer wirkten, die auch wissen mussten, dass hier das NS-Regime beschrieben wird und nicht die Juden, ist zu wenig erforscht. War das subversiv? Oder wurden die Juden als Sündenböcke für etwas instrumentalisiert, das zur Gewaltherrschaft der Nazis gehörte und nun der jüdischen Weltverschwörung angelastet wurde? Man weiß darüber wenig.

Die gleichgeschaltete deutsche Filmkritik jedenfalls war dafür da, die ambivalenten Teile von Jud Süß im Sinne der Nazis zu deuten und dem Publikum zu sagen, wie es den Film sehen sollte. Goebbels' Ministerium gab den Zeitschriftendienst heraus, dem die Redaktionen entnehmen konnten, wie ein Film zu interpretieren war. Dort war zu lesen, dass Süß darauf aus sei, "nicht nur für sich, sondern auch für alle im Umkreis wohnenden Rassegenossen Vorteile herauszuschlagen". Die Kritiker wurden aufgefordert, diesen den Juden zugeschriebenen, zu Lasten der Arier gehenden "Volksegoismus" in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu stellen:


Es ist die Aufgabe der Zeitschriften, diese typisch jüdische Manier besonders hervorzuheben und den Film zum Anlaß zu nehmen, in unserem Volke vielleicht auch durch weitere Beispiele die Meinung zu erhärten, daß jeder Jude, auch wenn er noch so großartige Motive vorschiebt, immer nur sein eigenes Wohl und das seiner Rassegenossen im Auge hat.

Die Kritiker kamen dem brav nach. "Harlan", stand in der Filmwelt (20.9.1940), "hat Stoff und Film aus dem Dämmer der Jahrhunderte in das grelle Licht der Gegenwart gerückt: unsere Zeit spürte wie die damalige tausendfach und unbarmherzig das ‚Wirken' des Judentums, für das alles - Land, Mensch, Leben - nur Geschäft war [...]." Hier noch der gruseligste Satz dieser Filmkritik: "Nicht jeder aber ward, wie Jud Süß, gehängt." Da war, hieß das, noch viel zu tun. Dazu einige Daten:

* 22. Juni 1941. Die Wehrmacht überfällt die Sowjetunion. Ihr folgen die "Einsatzgruppen", die Juden, Zigeuner und Kommunisten liquidieren.
* 31. Juli. Göring befiehlt Heydrich, eine "umfassende Lösung" der "Judenfrage" vorzubereiten.
* 1. September. Von nun an müssen auch alle jüdischen Bürger des Deutschen Reichs ab 6 Jahren einen gelben Stern tragen (in Polen war der Stern schon früher eingeführt worden).
* 3. September. In Auschwitz wird erstmals mit Zyklon B experimentiert.
* 14. Oktober. Beginn der Massendeportationen von Juden aus dem Gebiet des Deutschen Reiches in die im Osten eingerichteten Ghettos.
* 20. Januar 1942. Auf der Wannsee-Konferenz wird die "Endlösung" beschlossen.
* 30. Januar. Hitler hält eine Rede, in der er sagt, der Krieg könne nur damit enden, dass entweder die arische Rasse ausgerottet werde oder aber alle Juden aus Europa entfernt würden. Februar. Beginn der Deportation der Juden in die Vernichtungslager.
* 23. Juni. In Auschwitz beginnt die systematische Ermordung der jüdischen Häftlinge mit dem Blausäure-Gas Zyklon B.


Schuldspruch für einen Film

Hans Schmid 02.06.2009

Mordsache Jud Süß - Teil 2


Wer im Dritten Reich über Jud Süß schrieb, lobte zumeist die alten Traditionen, auf die man sich nun wieder besinne (dass es dabei um Religion gegangen war und nicht um "Rassenschande", wurde verschwiegen). Albert Schneider stimmte die Leser der Filmwelt bereits in der Vorberichterstattung (12.4.1940) darauf ein, dass in Jud Süß ein Gesetz zur Anwendung komme, "das vor Jahrhunderten als Damm zum Schutz des rassereinen Ariertums gegen den schänderischen Einbruch des Judentums errichtet wurde und das nach einer Zeit der Denkfaulheit und des Niedergangs in den Nürnberger Gesetzen seine leuchtende Wiedergeburt erlebte." Das Schlüsselwort ist "schänderisch". Idealerweise sollte der Zuschauer Süß als ein Sexmonster erleben, vor dem keine arische Frau sicher war. Letztlich wurde alles auf eine - angeblich "typisch jüdische" - Triebgesteuertheit zurückgeführt. Schneider über Süß: "Er geht über Leichen. Und vor allem sucht er täglich und stündlich nach der Befriedigung einer schranken- und schamlosen erotischen Gier."


Sexmonster mit Teufelsfratze

Die Nazis waren nicht nur daran interessiert, ihre Weltanschauung unter die Leute zu bringen. Immer ging es auch um Geld. Die Produktionskosten von Jud Süß betrugen etwas weniger als 2 Millionen Reichsmark. Das Propagandaministerium schätzte, dass der Film 6,2 Millionen Mark einspielen werde. Tatsächlich waren es bis Anfang 1942 5,97 Millionen, was viel mit Erich Knauf und Erich Braune zu tun hatte, den PR-Strategen der Terra. Sie entwickelten eine äußerst geschickte, zweigleisige Werbekampagne. Der eine Teil zielte auf die Freunde von Melodramen, Liebesfilmen und Kostümschinken ab, zeigte Bilder von Liebenden und Tanzszenen in prächtigen Palästen.


Den Antisemiten dagegen wurde das jüdische Sexmonster mit Teufelsfratze geboten, das auf dem Plakat zu sehen war, auf dem Illustrierten Film-Kurier, auf einer Nummer der Filmwelt (27.9.1940), in der Ferdinand Marian porträtiert wurde und so weiter. Dazu gab es Standphotos von leichtgeschürzten Damen und einen mit nacktem Oberkörper im Bett sitzenden Heinrich George, was pornographische Inhalte suggerieren sollte. Aus diesen Bildern wird oft geschlossen, dass die entsprechenden Szenen vor der Premiere aus dem Film herausgeschnitten wurden. Das täuscht. Standphotos werden extra für die Werbung hergestellt und auch dafür, beim Zuschauer eine bestimmte Erwartungshaltung zu schaffen, die dann seine Sicht des Films beeinflusst.

Eines der bekanntesten Werbephotos zeigt Krauß und Marian (mit einem Kneifer auf der Nase) als zwei Schwuchteln aus dem Ghetto, die gierig wertvolle Pretiosen umklammert halten. Auf einem anderen, einer Photomontage, macht sich Marian mit Schlafzimmerblick von hinten an Kristina Söderbaum heran. Das Photo betont die gekräuselten Haare des Vergewaltigers. Söderbaum hält einen Schal in der Hand, als wolle sie ihm diesen reichen, damit er sie erdrosseln kann. Die beiden sind eine blonde Desdemona und ein jüdischer Othello. Bei der Werbung war an alle gedacht, auch an die Theaterfreunde. Weil die Wirklichkeit meistens kompliziert ist, sei hier noch gesagt, dass Knauf und Braune, deren geniale PR-Strategie viel zum Erfolg des Films beitrug, zwei frühere Sozialdemokraten und überzeugte Antifaschisten waren. Knauf wurde am 26. März 1944 wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet und am 6. April zum Tode verurteilt.


In der Reihe der Aktuellen Filmbücher erschien ein Heft zu Jud Süß, und wer einen ganzen Roman lesen wollte, konnte sich das Buch zum Film kaufen, das "J.R. George" (= Hans Hömberg) geschrieben hatte. Der Schutzumschlag zeigte wieder die Teufelsfratze. Nach den ersten 20 000 Exemplaren mussten bald noch einmal so viele nachgedruckt werden. In diesem Roman wird alles, was im Film ambivalent ist, mit einer eindeutig antisemitischen Interpretation versehen. Während der Film bei uns verboten ist, kann man den widerlichen Roman antiquarisch problemlos kaufen.


Spontaner Volkszorn

Der Überlieferung nach versetzte Jud Süß die Kinozuschauer so sehr in Erregung, dass es zu wüsten Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger kam. Wenn dem so gewesen sein sollte, würde es der Geschichte der Shoah eine neue Facette hinzufügen. Der Holocaust war keine Affekthandlung, sondern das von Bürokraten eiskalt geplante und dann mit deutscher Gründlichkeit durchgeführte Ermorden von 6 Millionen Menschen. In Moellers Im Schatten von Jud Süß führt ein Herr Harlans Nachkommen durch die Jud Süß-Ausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte und erzählt ihnen, wie er sich denkt, dass die Leute im Dritten Reich auf den Film reagiert haben. Das trifft es sehr genau. Wir müssen uns vorstellen, wie das war, weil wir es nicht wirklich wissen. Auch wenn oft etwas anderes behauptet wird: Es gibt schlicht zu wenige Quellen, um daraus allgemeine Aussagen über die Wirkung des Films ableiten zu können. Und die Quellen, die es gibt, sind sehr widersprüchlich.




Am häufigsten zitiert werden die Lageberichte des Sicherheitsdienstes (SD) der SS. Die einzelnen Abschnitte des SD meldeten regelmäßig dem SD-Hauptamt in Berlin, wie neue Filme bei der Bevölkerung ankamen. In Berlin wurden dann auf Grundlage dieser Berichte die Meldungen aus dem Reich zusammengestellt. Am schnellsten war die SD-Außenstelle in Bielefeld. Sie übermittelte am 8. Oktober 1940, dass die darstellerischen Leistungen von Krauß und Marian "begeisterte Anerkennung" gefunden hätten, und:


Über den Inhalt des Films etwas zu sagen, erübrigt sich eigentlich, da er voll und ganz dem heutigen Fühlen des Volkes entspricht. Als Beweis hierfür möge der Ausspruch eines Arbeiters dienen: "Warum hat man uns früher nicht solche Filme gezeigt? Hier sieht man den Juden, wie er wirklich ist, ich hätte ihm am liebsten den Hals umgedreht."

Was sagt uns das? Liefert ein solcher Bericht ein verlässliches Stimmungsbild, oder schreibt hier einer das, wovon er glaubt, dass die Vorgesetzten es gerne lesen möchten (in Diktaturen ein nicht ganz seltenes Verhalten)? War die Begeisterung über die Leistungen von Krauß und Marian echt, oder plapperten die Befragten nur nach, was sie in fast jedem Vorbericht und fast jeder Kritik hatten lesen können? Glaubten sie das, was sie da sagten? Gab es den Arbeiter, der den Juden den Hals umdrehen wollte, oder hatte ihn der SD-Leiter in Bielefeld erfunden? Auffallend ist, wie oft in den Quellen mehr oder weniger wörtlich genau das erwähnt wird, was vorher in den Filmzeitschriften stand.

Am 28. November wird Jud Süß erstmals in den Meldungen aus dem Reich erwähnt. Berichtet wird von einer "anhaltend außerordentlichen zustimmenden Aufnahme" sowie davon, dass es "während der Vorführung des Filmes zu offenen Demonstrationen gegen das Judentum" gekommen sei: "So kam es z.B. in Berlin zu Ausrufen wie ‚Vertreibt die Juden vom Kurfürstendamm! Raus mit den letzten Juden aus Deutschland!'" In Wien sollen Jugendliche nach der Vorstellung einen Juden totgetreten haben, aber dafür gibt es keinen Beleg. Mit Bestimmtheit sagen lässt sich nur, dass Mitglieder der NSDAP, der SA und der Hitlerjugend in Gruppen ins Kino gingen, während der Vorstellung geplante Störaktionen durchführten und anschließend zu "spontanen" Protestmärschen durch die Straßen zogen. Das hatte Tradition. In der Weimarer Republik hatten die Nazis mit ihren "Kinokrawallen" die Absetzung missliebiger Filme erzwungen.

Goebbels vermerkt erfreut in seinem Tagebuch (8.3.1941), dass es in Ungarn "Straßendemonstrationen" gab. Das stimmt. Solche Demonstrationen wurden von ungarischen Nazis organisiert. Eine allgemein radikalisierende Wirkung von Jud Süß kann das nur bedingt belegen. 1942 hielt Goebbels eine Rede vor Angehörigen der deutschen Filmindustrie, in der er behauptete, dass "infolge dieses Films in holländischen Städten große Demonstrationen und Judenpogrome" stattgefunden hätten und dass "man nachher ein halbes Dutzend Juden aufhängen" musste, "weil sie Attentate auf Deutsche verübten". Solche Pogrome nach Aufführungen des Films lassen sich für Holland aber nicht nachweisen.

Armin Nolzen meint in seinem Aufsatz in dem von Alexandra Przyrembel und Jörg Schönert herausgegebenem Sammelband zu Jud Süß, dass Goebbels Filme und Länder verwechselt hat. Am 14. April 1941 besuchten in Antwerpen 400 belgische Nazis und SS-Angehörige eine Vorstellung von Der ewige Jude. Danach zogen sie in geschlossener Formation in das Judenviertel von Antwerpen und steckten zwei Synagogen in Brand. Mit dabei war eine vorab angeforderte Propagandakompanie der Wehrmacht, die Photos von dieser "spontanen Äußerung des Volkszorns" machte. Das bedeutet nicht, dass Jud Süß ungeeignet war, den "Volkszorn" anzufachen. Nachweisen aber lässt sich weder das eine noch das andere. Für Goebbels (Tagebuch, 8.3.1941) war Jud Süß der "Beweis, daß auch Filme ganz nach unserer Anschauung wirken und zünden können". Davon war er überzeugt. Aber als Beleg fielen ihm nur inszenierte Vorkommnisse aus dem Ausland ein. Bis heute neigen wir dazu, die Propaganda der Nazis mit der Realität zu verwechseln. Davor sollten wir uns hüten.


Tief beeindruckt von der "Schlechtigkeit der Juden"

Bei aller gebotenen Vorsicht kann man, sehr vorläufig, aus den Quellen ableiten, dass Frauen insgesamt anders auf Jud Süß reagierten als Männer. "Von einigen weiblichen Personen", steht im Bericht der SD-Außenstelle in Höxter (7.2.1941), "wurde lediglich bemängelt, daß die Henkerszene zu realistisch dargestellt gewesen sei. Man habe das Gruseln dabei bekommen können." Übersetzt heißt das: Frauen hatten Mitleid mit Süß. Hans Rosenthal, der Erfinder von Dalli Dalli, erzählt in Zwei Leben in Deutschland, dass er 1942, als 17-Jähriger, in Torgelow Zwangsarbeit leisten musste. Eines Abends schlich er sich in ein Kino und sah Jud Süß. Neben ihm saß ein gleichaltriges Mädchen, das er hinterher nach Hause brachte. Er gestand ihr, dass er Jude sei und sie deshalb nicht wiedersehen dürfe (die "Rassenschande"). Das Mädchen drohte ihm mit einer Anzeige, falls er sie nicht besuchen würde. Schließlich ging ein jüdischer Freund von Rosenthal hin und tat, was erwartet wurde. Zumindest bei diesem Mädchen aus Torgelow scheint Jud Süß erotische Phantasien ausgelöst zu haben. 50 000 Exemplaren der Filmwoche lag ein Marian-Bild zum Einrahmen bei, und der Ross-Verlag bot gleich 12 Marian-Photos auf einmal zum Kauf. Harlan zufolge bekam Marian waschkörbeweise Briefe von Verehrerinnen. Dass die Verfasserinnen dabei so genau zwischen Darsteller und Rolle unterschieden wie die NS-Filmkritik, ist unwahrscheinlich.

Jud Süß

Die Jud Süß-Rezeption war offenbar vielschichtiger und ambivalenter, als man dies im Nachkriegs-Deutschland wahrhaben wollte. Ein Reichsdeutscher sah den Film wohl anders als ein deutschstämmiger Bewohner im besetzten Polen. Dort gab es seit September 1940 eine Bestimmung, dass Deutsche, die mit Polen schliefen, in Schutzhaft zu nehmen waren (weil auch die "Rassenschande" relativ war, konnten Polinnen, die mit Deutschen geschlechtlich verkehrten, in ein Bordell der Wehrmacht gesteckt werden). Für deutsche Soldaten mit einer polnischen Geliebten dürfte Jud Süß etwas Beruhigendes gehabt haben, denn im Film bringt die "Rassenschande" nur Frauen und Nicht-Ariern den Tod. Frauen sahen den Film vermutlich anders als Männer, Kinder anders als Erwachsene, Gruppen anders als Einzelpersonen.

Obwohl Eltern wegen der Vergewaltigung und der Hinrichtung Bedenken hatten, ihre Kinder in den Film zu schicken, wurde er als "besonders jugendgeeignet" eingestuft. Knilli zitiert einen Hamburger, der sich später so erinnerte:


Ich war Mitglied der HJ. [...] Ich war damals 13 Jahre alt. Ich habe mit meinen Kameraden den Film gesehen. Wir haben alle den Inhalt des Filmes als eine historische Wahrheit angesehen und ich - ebenso wie meine Kameraden - war tief beeindruckt von der Schlechtigkeit der Juden.

Die Hitlerjugend, von Goebbels als besondere Zielgruppe ausgemacht, ging geschlossen ins Kino. Der Film wurde in speziellen Jugendfilmstunden gezeigt und in der HJ zur "rassenpolitischen Schulung" eingesetzt. Sollten die vorhandenen Zeugnisse repräsentativ sein, sickerte die Propaganda von der "Schlechtigkeit der Juden" bei Kindern und Jugendlichen besonders ungefiltert ein. Das waren die jungen Eltern in der frühen BRD bzw. DDR. Wie erfolgreich sie sich von dem, was sie durch Filme wie Jud Süß erfahren hatten, emanzipierten und was davon sie an ihre eigenen Kinder weitergaben, ist viel zu wenig erforscht. Im Deutschland der Nachkriegszeit reduzierte man Jud Süß auf ein paar simple Wirkungshypothesen und sperrte den Film in den Giftschrank. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.


Propaganda und Sadismus

Unzweifelhaft ist, was die Nazis mit dem Film bezweckten. In Harlans Memoiren ist eine Anweisung Himmlers vom 30.9.1940 reproduziert: "Ich ersuche Vorsorge zu treffen, daß die gesamte SS und Polizei im Laufe des Winters den Film ‚Jud Süß' zu sehen bekommt." Der entsprechende Erlass erging am 15. November. Für diejenigen, die im Rahmen ihrer Tätigkeit mit Juden in Berührung kommen konnten, von der Polizei über Ärzte und Zugschaffner bis zur Feuerwehr, wurden Sondervorführungen mit ermäßigtem Eintritt organisiert. Familienangehörige durften mitkommen. So wurde ein "Gemeinschaftserlebnis" gefördert. Sondervorstellungen gab es auch für im Ausland stationierte Soldaten und für das Pflegepersonal in den Lazaretten. Im Soldatenkino Luxemburg, meldete Der Film (9.11.1940), stoße Jud Süß auf äußerst große Resonanz, also "auch bei jenen deutschen Männern, die hinausgezogen sind, den jüdisch-plutokratischen Kriegshetzern die richtige Antwort zu erteilen". Der Film wurde deutschen Soldaten gezeigt, die an die Ostfront mussten, und in den besetzten Gebieten wurden Vorstellungen anberaumt, wenn eine "Aussiedlung" der dort lebenden Juden bevorstand.

Bei Knilli kommt ein Jude zu Wort, der 1939 wegen "Rassenschande" in das KZ Sachsenhausen gebracht wurde. Der Mann erzählt, wie er und seine jüdischen Leidensgenossen von zwei Scharführern der SS geprügelt wurden, nachdem diese Jud Süß gesehen hatten. Offen bleibt, ob der Filmbesuch direkt für die Quälereien verantwortlich oder ein Vorwand dafür war. "Allerdings kann ich natürlich nicht sagen", so der Häftling, "inwieweit diese Misshandlung mich besonders verletzt hat, da ich ja damals mich infolge der laufenden Misshandlungen bereits in einem reichlich zerschundenen Zustand befand."

Machte also Jud Süß sein Publikum zu Antisemiten? Verstärkte er den bereits vorhandenen Antisemitismus? War das überhaupt möglich in einem Land, in dem Juden seit 1933 systematisch entrechtet, verfolgt, mit Ratten und Insekten verglichen und schließlich deportiert und vergast wurden? Erschreckend ist, wie leicht es war, den Film mit antisemitischen Klischees auszustatten. Harlan musste nur im Fundus des 19. Jahrhunderts stöbern. Da fand er reichlich, was er brauchte. Mit einiger Sicherheit lässt sich dies sagen: Wer Wachmann in Auschwitz war, sich an "Arisierungsgut" bereichert hatte, an Liquidierungen teilnahm oder als Eisenbahner dafür sorgte, dass die Fahrpläne eingehalten wurden, wenn man Juden in Viehwaggons in den Osten abtransportierte, konnte in Jud Süß eine Legitimierung für sein Tun finden. Das allein ist schlimm genug. Die Täter entlasten kann es aber nicht.

Der ehemalige SS-Rottenführer Stefan Baretzki fühlte sich als Opfer. Vor Gericht beklagte er sich darüber, dass man ihm und seinen Kameraden in Auschwitz Hetzfilme gezeigt hatte (er konnte sich noch an Jud Süß und Ohm Krüger erinnern), was dann zu schlimmen Misshandlungen der Häftlinge geführt habe. Schuld am Sadismus der Wachmannschaften waren also diese Filme. Zu Baretzki und Kollegen gibt es einige zuverlässige Informationen:

* Zwischen 1940 und 1945 wurden in Auschwitz etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet.
* Dem Wachpersonal der SS gehörten in dieser Zeit ungefähr 7000 Männer und Frauen an.
* 789 von ihnen wurden nach Kriegsende vor Gericht gestellt, darunter knapp 50 in Deutschland.
* Am 20. Dezember 1963 begann in Frankfurt der große Auschwitz-Prozess. Am 19. und 20. August 1965 wurden die Urteile gegen die 20 Angeklagten verlesen: Sechsmal lebenslänglich, drei Freisprüche, der Rest sollte zwischen 3 und 14 Jahren ins Zuchthaus, einige wurden sehr bald entlassen. Viele empfanden die Urteile als skandalös: eine Minderheit, weil sie so milde ausgefallen waren, die Mehrheit, weil es überhaupt zum Prozess gekommen war.

Ob Baretzki (lebenslang) wohl auch dann die Idee gekommen wäre, sich auf die schädliche Wirkung von Filmen herauszureden, wenn man Veit Harlan später, zuerst aber ihn und ein paar andere von denen vor Gericht gestellt hätte, die Menschen konkret in die Gaskammern geschickt und durch ihre "Pflichterfüllung" eine Maschinerie des industrialisierten Massenmordes am Laufen gehalten hatten? Gegen Harlan wurde aber 1948 Anklage erhoben, der Auschwitz-Prozess begann erst 15 Jahre später. Es wäre ein spannendes Projekt, die Folgen des Verfahrens gegen Harlan für die in der BRD geführte Diskussion um die Einflüsse von Massenmedien zu erforschen. Vermutlich würde man wenig darüber erfahren, welche Auswirkungen Filme auf das Verhalten von Zuschauern haben; sehr viel dagegen darüber, wie durch das Verbreiten von kruden Wirkungshypothesen und damit (oder gar nicht) begründete Verbote von den wirklichen Problemen abgelenkt wird.


Das Schweigekartell

Victor Capesius, in Auschwitz Apotheker und Zuarbeiter von Josef Mengele, wurde 1965 zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt. 1968 kam er frei. Er kehrte in seine Heimatstadt Göppingen zurück und wurde von seinen Mitbürgern mit Beifall empfangen, als er dort in ein Konzert ging. So etwas war nicht ungewöhnlich. Die meisten Deutschen wollten von einer Schuld nichts wissen, verantwortlich waren immer nur die anderen, und Capesius hatte sich nichts vorzuwerfen. Das hatte er im Auschwitz-Prozess selbst gesagt.

Veit Harlan (Mitte) und Wolfgang Liebeneiner werden von Goebbels zu Professoren ernannt.

1943, zum 25-jährigen Bestehen der Ufa, wurden zwei Regisseure für ihr "rastloses Bemühen um die Aufwärtsentwicklung des deutschen Films" mit Professorentiteln bedacht: Wolfgang Liebeneiner und Veit Harlan. Liebeneiner machte nach 1945 alles richtig: er schwieg beharrlich über seine Tätigkeit im Dritten Reich (u.a. hatte er den Euthanasie-Film Ich klage an! inszeniert). Deshalb durfte er seine Karriere bald fortsetzen. Er wurde einer der meistbeschäftigten Regisseure des Unterhaltungskinos in der BRD. Harlan dagegen machte sich unbeliebt, weil er den Mund nicht halten konnte. 1941 hatte Lion Feuchtwanger einen offenen Brief an sieben in Jud Süß mitwirkende Schauspieler geschrieben, der 1947 auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Liebeneiner hätte dazu nichts gesagt. Harlan antwortete mit einem offenen Brief seinerseits (Goebbels war schuld). So blieb Jud Süß in der Diskussion, statt mit derselben atemberaubenden Geschwindigkeit zu den Akten gelegt zu werden wie vieles andere.

Ende 1945 wurde auf Initiative von Helmut Käutner in Hamburg die "Interessengemeinschaft der Filmhersteller" gegründet. Mit dabei: Veit Harlan und Kristina Söderbaum. Um wieder offiziell arbeiten zu können (unter Pseudonym inszenierte er Theaterstücke mit seiner Frau), brauchte er eine Lizenz der Alliierten. Das von ihm selbst beantragte Entnazifizierungsverfahren endete im Dezember 1947 mit einem "entlastet - Stufe V" (Mitläufer). Die danach einsetzenden Proteste führten offenbar dazu, dass man ihm das Resultat nie zustellte; so konnte man sich bei Kritik darauf berufen, dass das Verfahren noch nicht abgeschlossen sei. Damit begann eine lange Geschichte des Lavierens und der Tricksereien im Umgang mit Jud Süß.

Im April 1948 gingen Harlan und Kristina Söderbaum in Hamburg ins Kino. Im Lichtspieltheater Waterloo war West-Premiere von Kurt Maetzigs Ehe im Schatten, einem Defa-Film über das Schicksal der Familie Gottschalk. Der beliebte Schauspieler Joachim Gottschalk bekam im Dritten Reich keine Filmrollen mehr, weil er sich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. 1941 beging er mit Frau und Sohn, deren Deportation bevorstand, Selbstmord.

Hamburg war nicht Göppingen. Ein Teil des Premierenpublikums empörte sich über Harlans Anwesenheit. Er und Kristina Söderbaum mussten das Kino unter Schmährufen verlassen. Hinterher stand in der Zeitung, Harlan sei mit einer "türkischen Zipfelmütze" und/oder in Gartenkleidung erschienen. Damit sollte wohl zum Ausdruck gebracht werden, dass er durch seine Anwesenheit die jüdischen Opfer der NS-Zeit verhöhnt habe. War Harlan also auf eine Provokation aus, oder war ihm, weil er sich bei Goebbels für Gottschalk eingesetzt hatte, gar nicht klar, dass sein Premierenbesuch als eine solche verstanden werden könnte? Wollte er, wie sein Biograph Frank Noack meint, durch den offensiven Umgang mit der Vergangenheit "seinen guten Ruf wiederherstellen", um bald neue Filme drehen zu können? War er naiv oder auch außerhalb des Ateliers ein Regisseur, der demnächst, wie seine Gegner behaupten, auch die antisemitischen Vorfälle rund um den Prozess selbst inszenieren würde? Wer will das mit Bestimmtheit sagen?

Jedenfalls war sehr viel Doppelmoral im Spiel. Hilde von Stolz, die Herzogin in Jud Süß, war auch in Ehe im Schatten mit dabei. Wolfgang Zeller hatte für beide Filme die Musik geschrieben. Das störte scheinbar keinen. Atze Brauner boykottierte den Filmball der Gloria, weil auch Harlan eingeladen war. Später erzählte er gern, wie genau er darauf geachtet habe, bei seinen Produktionen niemanden zu beschäftigen, der aus der NS-Zeit belastet war. Aber für Morituri engagierte er Wolfgang Zeller, dessen Musik einiges enthält, das man bereits in Jud Süß verwendet hatte. Andererseits wurde in der BRD durch neuerliche "Kinokrawalle" die Absetzung von Morituri erzwungen - dieses Mal von Leuten mit Schlussstrich-Mentalität. Heute kann man den Film in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem [extern] sehen und hören.


Nacktphotos und Holocaust

Nach dem Skandal um Ehe im Schatten wurde Harlan von der "Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes" angezeigt. Artikel II des alliierten Kontrollratsgesetzes (Nr. 10) enthielt eher vage Angaben zu Tatbeständen, die ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" darstellten. Auf dieser Grundlage wurde Harlan schließlich angeklagt. Der erste Strafprozess begann am 3. März 1949 am Hamburger Schwurgericht. Das Verfahren wurde kein Ruhmesblatt, für keine der Parteien. Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Kramer tat sich schwer mit seiner Strategie, die nicht besonders stringent ausfiel. Vieles wirkt, als habe er in der Erwartung, dass schon etwas hängen bleiben würde, möglichst großflächig mit Dreck geworfen. So konfrontierte er etwa den Zeugen Fritz Hippler mit dem Vorwurf, er habe Goebbels mit jungen Frauen versorgt und ein Album mit Nacktphotos für ihn angelegt. Der ernstere Teil der Anschuldigungen verlor dadurch an Wert. Dr. Otto Zippel, Harlans Verteidiger, nutzte Kramers Konfusion aus und startete einige Ablenkungsmanöver. So verlangte er die Vorführung von David Leans Oliver Twist, um die Frage zu erörtern, ob Kunstwerke antisemitisch sein können und was das mit ihren Schöpfern zu tun hat. Heinz Leopold, ein Überlebender von Theresienstadt, trat der These vom "spontanen Volkszorn" entgegen, den Jud Süß entfacht habe. Ein Vertreter der Nebenklage bezeichnete ihn als "geistesschwach".

Einige der Beteiligten konnten nicht mehr befragt werden. Heinrich George war in Sachsenhausen, das die Russen nach dem Krieg in ein Lager für hohe Würdenträger der NS-Zeit umfunktioniert hatten, an den Folgen von Misshandlungen und einer Blinddarmentzündung gestorben. Ludwig Metzger soll ermordet worden sein. Der alkoholkranke Ferdinand Marian hatte wegen Jud Süß an schweren Schuldgefühlen gelitten. Sein Freund Erich Engel, für den er den Jago gespielt hatte, hätte ihn gern als Hamlet nach Weimar geholt. Die Amerikaner hatten ihre Genehmigung erteilt, aber die bayerischen Behörden hatten das Verfahren verschleppt. Am 9. August 1946 war Marian, von München kommend, kurz vor Freising gegen einen Baum gefahren. Vermutlich war es ein Unfall. Es gab auch Gerüchte, Marian habe Selbstmord begangen oder sei einem Anschlag zum Opfer gefallen. Laut Vermerk eines bayerischen Beamten vom 19.10.1948 wurde er posthum als unbelastet eingestuft.

Im Harlan-Prozess aussagen konnte Eugen Klöpfer, der als Konsulent Sturm die Nürnberger Gesetze preist. Er reiste aus Süddeutschland an, wo er gerade auf Tournee war. Klöpfer bezeichnete es als "nicht anständig", dass er in Jud Süß mitgemacht hatte. Malte Jaeger, als Faber einer der schlimmsten Antisemiten im Film, gab zu, die Rolle angenommen zu haben, um Karriere zu machen. Dann fuhr er zurück nach Bremen, wo er in einer Inszenierung von Goethes Urfaust auftrat. Werner Krauß, der in Jud Süß auf eigenen Wunsch fünf Juden-Karikaturen spielte, weil ihm eine nicht genug war, hatte einen geschickten Anwalt, der ihn davor bewahrte, im Prozess aussagen zu müssen. 1954 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Den Iffland-Ring, den heute Bruno Ganz trägt, bekam er auch. Zugesprochen wurde ihm der Ring vom Kartellverband deutschsprachiger Bühnenangehöriger. Das kann man als Verhöhnung des vorherigen Trägers Albert Bassermann verstehen, der in der NS-Zeit emigriert und 1952 gestorben war, ohne einen Nachfolger bestimmt zu haben.

Alfred Greven, den Brauer als Produktionschef der Terra abgelöst hatte, sagte aus, Alf Teichs, damals Dramaturg der Terra, habe Jud Süß seit 1937 intensiv vorbereitet und sei der geistige Urheber gewesen. Als er erfuhr, dass Teichs nicht, wie von ihm angenommen, Selbstmord begangen hatte, nahm er es zurück. Teichs selbst gab zu Protokoll, Harlan sei unpolitisch, habe aber sein künstlerisches Talent in den Dienst von Jud Süß gestellt und das eigentlich zum Scheitern verurteilte Projekt dadurch gerettet. Er, Teichs, habe nach dem Krieg mit Heinrich George gebrochen, weil dieser sich wegen seiner Mitwirkung nicht schuldig fühlte. Als er seine Aussage machte, war Teichs zusammen mit Heinz Rühmann Besitzer einer Produktionsfirma. Nach der Insolvenz zahlte er die Schulden ab, wurde in der BRD ein bedeutender Produzent und trug wesentlich zum Aufbau des Fernsehens bei. 1979 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz.

"Jud Süß" von J.R. George (Innentitel)

Im Roman zum Film kann man lesen, dass Juden ungewaschene Zuhälter sind, dass sie ein "säuisches Wesen" haben und "Ungeziefer" sind. Hans Hömberg, der das als "J.R. George" geschrieben hatte, übersiedelte nach Österreich, ging 1946 zu Radio Tirol und gestaltete für den ORF mehr als 1700 Sendungen. Hömberg schrieb auch Unterhaltungsromane und Komödien. Eine davon, Kirschen für Rom, war ein Lieblingsstück von Theodor Heuss. Zu Ehren des ersten Bundespräsidenten wurde es 1954 zu seinem Geburtstag aufgeführt. Karl Korn, der als Feuilletonchef von Goebbels' Renommierblatt Das Reich eine Lobeshymne auf Jud Süß verfasst hatte, wurde Mitherausgeber der FAZ. Und so weiter. Sie alle konnten nichts dafür. Nach Ansicht des Hamburger Schwurgerichts galt das auch für Veit Harlan. Er wurde freigesprochen.


"Unheil für das Judentum"

Der Richter, Dr. Walter Tyrolf, erklärte in seiner Urteilsbegründung, ein kausaler Zusammenhang zwischen Jud Süß und der Judenverfolgung sei nicht nachgewiesen worden. Später stellte sich heraus, dass Tyrolf im Dritten Reich an einem Sondergericht tätig gewesen war. Wenn man mit diesem Wissen die Protokolle liest, wirken einige der Äußerungen von Harlans Verteidiger wie ziemlich unverhüllte Drohungen, ihn zu outen. Leute wie Tyrolf hatten wenig zu befürchten, solange niemand über ihre NS-Vergangenheit redete, mussten aber mit dem Karriereende rechnen, wenn sie bekannt wurde. Nicht die Tat an sich war das Problem, sondern deren Sichtbarmachung. Manchmal fragt man sich, ob sich daran etwas geändert hat. Der aktuelle "Kampf" der Politiker gegen die Kinderpornographie im Internet lässt einen daran zweifeln.

Veit Harlan nach dem Freispruch vor dem Hamburger Schwurgericht

Das bis heute geltende Verbot von Jud Süß wird gelegentlich damit begründet, wie unerträglich der Gedanke sei, dass Antisemiten und Neonazis während der Vorstellung applaudieren und hinterher johlend durch die Straßen ziehen könnten. Der Gedanke ist in der Tat nicht angenehm. Dieser Logik nach dürfte ich hier nichts über den Film schreiben, weil ich nicht ausschließen kann, dass jemand einen dummen Kommentar abgibt. Man kann es auch anders sehen und sagen, es sei vorzuziehen, dass nazistisches und antisemitisches Gedankengut, wenn dieses noch immer oder schon wieder in den Köpfen steckt, möglichst schnell ans Licht kommt. Dann müsste man aber auch nach den Ursachen fragen und bereit sein, etwas dagegen zu unternehmen, das mehr Aussicht auf Erfolg verspricht als ein Verbot.

Interessanterweise argumentierte Harlan in eigener Sache so ähnlich wie die Befürworter eines Filmverbots. Im Juli 1948 schrieb er einen Brief an den Rabbiner Joachim Prinz, in dem er zu bedenken gab, dass ein Prozess gegen ihn "Unheil für das Judentum" bedeuten könne. Damit war gemeint, dass mit antisemitischen Kundgebungen zu rechnen sei. Dazu kam es dann auch. Wer Harlan für einen dämonischen Verführer hält, wird glauben, dass er diese Kundgebungen selbst inszenierte. Aber zunächst, nach dem ersten Freispruch, wurde er auf den Schultern seiner Anhänger aus dem Gerichtsgebäude getragen. Heinrich Hoffmann, ehemals Leibphotograph von Adolf Hitler, stand bereit, um den Triumph im Bild festzuhalten.

Harlan hat bestritten, Hoffmann selbst bestellt zu haben. Manche seiner Gegner halten ihn trotzdem für den heimlichen Regisseur der Verhandlung, die er in Szene gesetzt habe wie eines seiner Melos. Horst Königsteins Dokudrama Jud Süß - Ein Film als Verbrechen (mit Axel Milberg als Harlan) sollte man jedenfalls mit einer gewissen Vorsicht sehen. Der TV-Film folgt den Protokollen des Prozesses. Die Frage ist, ob damit Harlans eigene Inszenierung reproduziert wird oder nicht?

Man fragt sich auch, was schwerer zu ertragen gewesen wäre: dieser Freispruch oder aber die Verurteilung durch einen Richter, der unbehelligt blieb, obwohl er im Dritten Reich für Bagatelldelikte die Todesstrafe gefordert hatte? Staatsanwalt Kramer legte erfolgreich Revision gegen das Urteil ein. Auch der zweite Prozess wurde wieder von Richter Tyrolf geleitet. Kramer musste von dessen Vergangenheit wissen. Warum er weiter schwieg, ist unbekannt. Vielleicht wollte er kein Nestbeschmutzer sein; auch das war schlecht für die Karriere.


Die furchtbare Macht

Die spätere Star-Journalistin Karena Niehoff, nach Nazi-Maßstäben eine "Halbjüdin", hatte das Dritte Reich als Sekretärin bei der Terra und als enge Mitarbeiterin des Drehbuchautors Ludwig Metzger überlebt, der sie schützte. Im zweiten Prozess gegen Harlan sagte sie aus, dieser habe das Drehbuch von Möller und Metzger antisemitischer gemacht. Dafür lassen sich Gründe nennen, die mehr mit Dramaturgie und Filmästhetik als mit Dialogsätzen zu tun haben. Aber Niehoff konnte sich nicht gut genug erinnern und verwickelte sich in Widersprüche, und ohnehin war die emotional sehr erhitzte Atmosphäre im Gerichtssaal für eine ruhige Erörterung solcher Fragen nicht geeignet.

Als Karena Niehoff den Saal verließ, wurde sie als "Judensau" beschimpft und zum Verlassen Deutschlands aufgefordert. Unter Polizeischutz wurde sie aus dem Gericht gebracht. Das war der nächste Skandal - und für Hamburg äußerst peinlich. Max Brauer, der Bürgermeister von der SPD, veröffentlichte im Parteiblatt Sozialdemokrat eine Erklärung, in der es hieß, bei dem "antisemitischen Skandal im Harlan-Prozeß" handele es sich in Wirklichkeit "um den geglücktesten, raffiniertesten Trickfilm, den uns die Kommunisten jemals vorgeführt haben". Brauers Beitrag zum Thema ist eine wilde Mischung aus Kalter-Kriegs-Rhetorik und altem Denken, dem zufolge die bolschewistische auch eine jüdische Weltverschwörung war. Die Zeugin Niehoff, so der Bürgermeister, sei "in der Umgebung einer östlichen Vertretung zu suchen". Inzwischen sei festgestellt, dass sie die Zuhörer im Gericht als "Nazi-Schweine" bezeichnet, das "bedauerliche" Wort "Judensau" also selbst provoziert habe. Karena Niehoff, die kommunistische Provokateurin, war damals übrigens Redakteurin bei der CDU-Zeitung Der Kurier.

Am 29. April 1950 verkündete Richter Tyrolf den erneuten Freispruch, der für Harlan sogar günstiger ausfiel als der erste. Dieses Mal wurde ihm bescheinigt, dass sein Leben bedroht gewesen sei, weshalb ihm ein "Nötigungsnotstand" zugebilligt wurde. Bei "Nichtausführung des Goebbelsbefehles", so das Gericht, hätte der Minister "in irgendeiner Weise seine furchtbare Macht Harlan [...] spüren lassen". Weil aber irgendein Schuldiger gebraucht wurde, einigte man sich auf den Film selbst als Sündenbock. Staatsanwalt Kramer hatte die nötige Vorarbeit geleistet.

Kramers Anklageschrift erwähnt Metzgers Exposé von 1921 und springt dann in das Jahr 1938, als sei dazwischen nichts gewesen. Das Hamburger Schwurgericht stellte nun fest, dass Jud Süß seine Zuschauer "in ihrem gesunden Urteil und ihrer ursprünglichen Menschlichkeit vergiftet" und sie so "dazu veranlasst" habe, "die von der Regierung durchgeführten Maßnahmen hinzunehmen und an ihrer Durchführung teilweise mitzuwirken". Schulderschwerend sei, so die Urteilsbegründung, dass der Film nicht langweilig ist; der "erregenden Filmhandlung" habe das Publikum "mehr oder weniger" erliegen müssen. Zugegeben, die Juden hatte man umgebracht. Aber ihre Mörder waren auch nur Opfer. Durch "die unablässige, mit allen Mitteln moderner Massenbeeinflussung durchgeführte judenfeindliche Propaganda" waren anständige Menschen - quasi wider Willen - dazu gebracht worden, die Judenverfolgung zu billigen und mitzumachen.

Der Film Jud Süß war demnach wie die Filmfigur Dr. Mabuse, der ein unschuldiges Publikum zum Opfer einer Massensuggestion macht und Staatsanwalt Wenck durch Hypnose dazu bringt, mit seinem Auto in den Abgrund zu jagen (Dr. Mabuse, der Spieler). Welche Filme Dr. Tyrolf dazu zwangen, in seiner Funktion als hypnotisierter Staatsanwalt am Sondergericht für allerlei Delikte, vom leichten Diebstahl bis zur "Rassenschande", die dann auch vollstreckte Todesstrafe zu fordern, ist leider nicht bekannt. Für das, was er im Dritten Reich getan hatte, musste er sich nie öffentlich rechtfertigen. Ende der 1950er wurde kurz gegen ihn ermittelt. Das Verfahren wurde - "mangels Tatverdacht" - rasch eingestellt.


Schädling des Wiederaufbaus

Im Gegensatz zum ersten Urteil gab es nun doch einen kausalen Zusammenhang zwischen Jud Süß und dem Holocaust. Aber schuldig war nur der Film. Sein Regisseur wurde wieder freigesprochen. Das war insgesamt sehr praktisch und kann erklären, warum diejenigen besonders auf Harlan eindroschen, die sich noch immer nicht von der Diktion der Nazis gelöst hatten. Der Abgeordnete Karl Meitmann erklärte Jud Süß im Hamburger Echo (25.11.1950) zum "übelsten politischen Schandfilm, der je in einem deutschen Atelier gedreht wurde" und rief zum Kampf "gegen Schädlinge des deutschen Wiederaufbaus" wie Harlan auf. Die Dämonisierung von Film und Regisseur nützte vielen. Wenn sogar der Mann, der offenbar im Alleingang den direkt zu Pogromen anreizenden Jud Süß hergestellt hatte, für nichts verantwortlich zu machen war, galt das für alle anderen erst recht. Harlan selbst durfte nun wieder Filme drehen, von denen einige höchst erfolgreich waren, auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird, weil das besser ins geschönte Bild von den Deutschen passt, die sich in ihrer großen Mehrheit von "des Teufels Regisseur" abwendeten.

Unsterbliche Geliebte, Harlans erster Nachkriegsfilm, sollte Weihnachten 1950 in die Kinos kommen. Der Publizist Erich Lüth, Hamburger Senatsdirektor und Vorsitzender des Presseclubs, hatte im Dritten Reich keine Verbrechen begangen, fühlte sich aber schuldig, weil er durch sein Schweigen Ja gesagt hatte. Das sollte sich nicht wiederholen. Als er im September 1950 eine Rede zur Eröffnung der "Woche des deutschen Films" hielt, rief er zum Boykott der Unsterblichen Geliebten auf. Produktionsfirma und Verleih wollten ihn zwingen, den Aufruf zurückzunehmen. Deshalb kam es zu einer langen zivilrechtlichen Auseinandersetzung.

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Lüth unterlag, ging durch alle Instanzen und zog bis vor das Bundesverfassungsgericht, das ihm 1958 Recht gab und das Urteil des Zivilgerichts aufhob, weil es gegen sein Grundrecht auf Meinungsfreiheit verstieß. Diese Entscheidung war von enormer Bedeutung für die Rechtssprechung in der BRD. Deutsche Gerichte gingen bis dahin davon aus, dass sich der Einzelne mit seinen Grundrechten gegen Eingriffe des Staates verteidigen konnte, ein Rechtsstreit zwischen Privatleuten aber rein nach Privatrecht entschieden werden muss. Das Lüth-Urteil ist eine der wichtigsten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts überhaupt, weil es klarstellt, dass die Grundrechte die obersten objektiven Prinzipien der gesamten Rechtsordnung sind (mehr dazu bei Henne/Riedlinger, siehe unten).

Auch die Geschichte der deutschen Studentenbewegung kann man ohne Veit Harlan nicht erzählen. Weil er nicht schwieg, legte er - unabhängig von den Gründen - den Finger in eine Wunde, die die Mehrheit durch sofortiges Vergessen behandeln wollte. Die Folgen bekam auch Werner Krauß zu spüren, inzwischen Publikumsliebling am Wiener Burgtheater. Sein Gastspiel in West-Berlin war Ende 1950 von heftigen Protesten begleitet, bei denen Demonstranten von der Polizei verprügelt wurden. Harlan schrieb unterdessen wieder einen offenen Brief, der am 30. Januar 1951 im Hamburger Abendblatt erschien und so melodramatisch ausfiel wie seine Filme. In dem Brief spricht er vom Herrgott und von einer schwer auf seiner Seele lastenden Schuld, die in seiner Unfähigkeit bestehe, "mich Goebbels' verbrecherischen Händen zu entwinden".


Keimzelle der Studentenbewegung

Das ganze Jahr 1951 über gab es Demonstrationen und Störaktionen gegen Unsterbliche Geliebte. Im Dezember hatte der nächste Harlan-Film Premiere. Mit fünf Millionen Zuschauern wurde Hanna Amon ein großer finanzieller Erfolg. Im Januar 1952 lief der Film in Freiburg an. Die Studenten protestierten. Kriminalbeamte in Zivil mischten sich unter die Demonstranten und schlugen plötzlich mit Gummiknüppeln auf diese ein. Das nahmen uniformierte Polizisten zum Anlass, nun ebenfalls wehrlose Leute niederzuknüppeln. Dabei gab es Schwerverletzte. Am 25. Januar kam es in Göttingen zu schweren Zusammenstößen zwischen 100 Harlan-Gegnern und 300 Gegendemonstranten. Offenbar gingen die Gewalttätigkeiten von einer organisierten Gruppe von Harlan-Befürwortern aus. Manch ein Beobachter fühlte sich an das Jahr 1933 erinnert. Studentinnen wurden als "Judenhure" beschimpft, es gab Rufe nach neuen Arbeitslagern und der SS. In der Zeit schrieb Werner Schwier von einem Hervorbrechen jahrelang unterdrückter Ressentiments:


Harmlose Bürger, die alltags am Postschalter sitzen oder Heringe verkaufen, übertrumpfen sich gegenseitig in Haßausbrüchen. Keine einzige Stimme der Vernunft oder Mäßigung, der Nazi-Ungeist triumphiert - ein Anblick, jammervoll und tief beschämend.

Demonstration gegen "Unsterbliche Geliebte" in Salzburg

Ungute Erinnerungen an die Zeit um 1933 weckt auch, dass Harlan-Filme in einigen Städten - diesmal unter anderen Vorzeichen - abgesetzt wurden. Das Einüben der Demokratie war schwierig. Harlan ging in die Offensive und unternahm eine Rehabilitierungs-Tournee durch deutsche Universitätsstädte. Es gab von Tumulten unterbrochene Veranstaltungen und immer wieder Demonstrationen, wenn Harlan-Filme im Kino liefen. "Die Anti-Harlan-Bewegung", schreibt Wolfgang Kraushaar (Przyrembel), "war die erste ihrer Art und spielte eine Vorreiterrolle für eine ganze Reihe von Kampagnen, die sich gegen die Ausblendung beziehungsweise Verleugnung der NS-Vergangenheit richteten." Damit war sie die Keimzelle der 68er-Bewegung. Um sie herum organisierten sich auch Gruppen, die für eine Aussöhnung mit Israel sowie für eine rasche Wiedergutmachung eintraten (die Regierung Adenauer war sehr zögerlich, wenn es ums Geld ging).

Im Oktober 1952 gab es Gerüchte, jemand hätte Jud Süß in arabische Staaten verkauft, die nun mit dem Film den Judenhass schürten. Weil Kalter Krieg war, wurden meistens die Russen als Verkäufer genannt. Bis heute wird diese nie bestätigte Geschichte als Beleg für die vergiftende Wirkung des Films angeführt. Im Februar 1954 sorgte die Aufführung von Harlans Sterne über Colombo für tagelange Unruhen in West-Berlin. Harlans Reaktion: Er fuhr in Begleitung eines Spiegel-Journalisten nach Zürich, wo er am 2. April 1954 in Gegenwart eines Notars entweder "eine Sicherheitskopie" (Noack) oder "das angeblich letzte Negativ" (Kraushaar) von Jud Süß oder sonst etwas verbrannte. Was er mit der Aktion bezweckte, ist umstritten.


Jud Süß beim Finanzamt

1952 hatte ein Kaufmann aus Baden-Baden eine Kopie des Films erworben. 1955 konnte er seine Steuerschulden nicht bezahlen. Das Finanzamt nahm Jud Süß als Sicherheit. Mit Hilfe eines Notars aus der Schweiz und mit Billigung der Behörde versuchte der Schuldner, den Film zu verscherbeln. Ein jüdischer Kaufmann, dem die beiden die Kopie angeboten hatten, machte die Sache öffentlich. Wieder gab es einen Skandal. Das Finanzamt wollte von dem Geschäft nichts mehr wissen, die Staatsanwaltschaft ließ die Kopie beschlagnahmen, und schließlich übernahm sogar die Bundesanwaltschaft den Fall.

Die beschlagnahmte Kopie sollte vernichtet werden. Der Kaufmann wollte sie aber wiederhaben. Das Landgericht befand zu seinen Gunsten. Die Staatsanwaltschaft ging in Revision. Der Bundesgerichtshof kam zu dem Ergebnis, dass Jud Süß verfassungsfeindlich, volksverhetzend und gegenüber Juden beleidigend sei, hob das Urteil auf und verwies die Angelegenheit zurück an das Landgericht. Informationen darüber, wie es dann weiterging und was aus der Kopie wurde, sind irgendwo in den Archiven verborgen.

Das BGH-Urteil von 1963 hat viel zur Tabuisierung von Jud Süß beigetragen. Derzeit wachen gleich mehrere sehr honorige Institutionen darüber, dass das von Harlan offenbar mit extrem ansteckenden und langlebigen Antisemitismus- und Naziviren versetzte Werk die Quarantänestation nicht verlassen kann. Eine FSK-Freigabe wurde nie beantragt, und sie würde auch sicher nicht erteilt werden. Damit sind Vorführungen in kommerziellen Kinos weitgehend ausgeschlossen, weil es eine Selbstverpflichtung der Kinobetreiber gibt, Filme ohne FSK-Freigabe nicht zu zeigen. Die Terra, die Jud Süß produzierte, ging in den Besitz des Bundes über, der seither die Urheberrechte beansprucht.

Seit 1966 werden diese Urheberrechte von der Murnau-Stiftung verwaltet. Das Kuratorium der Stiftung hat Jud Süß als "Vorbehaltsfilm" eingestuft. Das sind "vorwiegend Propagandafilme aus der Zeit des Dritten Reichs, deren Inhalt kriegsverherrlichend, rassistisch oder volksverhetzend ist", die nicht gewerblich ausgewertet und nur in geschlossenen Veranstaltungen gezeigt werden, mit einer Einführung durch einen kompetenten Referenten und anschließender Diskussion. Leider gibt es nur eine summarische [extern] Erklärung zu den Vorbehaltsfilmen insgesamt, keine spezifische Begründung für Jud Süß.

Wenn sich an der derzeitigen Praxis nichts ändert, werden wir bis zum Jahr 2061 darauf warten müssen, dass Jud Süß auf dem dann gängigen Trägermedium legal erhältlich ist, damit sich der interessierte Bundesbürger selbst ein Bild von dem Film machen und endlich die dringend notwendige Historisierung beginnen kann. 2061 erlischt das Urheberrecht, weil dann mit dem Kameramann Bruno Mondi (gest. 1991) der letzte Beteiligte, der seiner "schöpferischen Einwirkung" wegen als Miturheber gelten kann, 70 Jahre lang tot sein wird. Der Jurist Thomas Henne (siehe Przyrembel) ist der Ansicht, dass hier eine zweckwidrige Verwendung des Urheberrechts vorliegt:


Dieses soll, wie der Name sagt, die Rechte des Urhebers schützen, nicht aber die Zugänglichkeit eines Werkes aufgrund polizeilicher und politischer Überlegungen begrenzen. Für Letzteres gibt es das Polizei- und das Strafrecht. [...] Blickt man auf das Markenrecht, ist dort sogar eine rechtserhaltende Benutzung notwendig, um die Rechtsstellung zu wahren. Das lässt sich zwar nicht unmittelbar in das Urheberrecht übertragen, doch verstößt jedenfalls der Einsatz des Urheberrechts zur jahrzehntelangen Nichtverbreitung trotz bestehendem Interesse evident gegen den Zweck des Urheberrechts, die Verbreitung eines Werkes zu regeln.

Wer aber mit Hilfe des Urheberrechts erreichen will, dass ein Film nicht verbreitet wird, muss damit rechnen, dass sich andere über diesen Wunsch hinwegsetzen. Daraus lässt sich nicht automatisch auf skrupellose Geschäftemacherei schließen. Bei amerikanischen Internet-Händlern wie amazon.com sind aktuell zwei DVDs mit Jud Süß bestellbar. Die eine scheint dieselbe 16-mm-Kopie zu enthalten, die man vor Jahren auch schon als Videokassette im deutschen Nazi-Versandhandel kaufen konnte. Sie ist in der "Holocaust Studies Series" eines Anbieters erschienen, der auf seiner Website Nazi-T-Shirts verkauft. Im Bonusmaterial zur DVD gibt es Ausschnitte aus anderen antisemitischen NS-Filmen, die das Unternehmen im Sortiment hat. Die aufklärerischen Motive sind ersichtlich nur vorgeschoben. Die Murnau-Stiftung versucht, rechtlich gegen diesen Anbieter vorzugehen. Das ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Das Unternehmen hat bereits öfter Namen, Firmensitz und Gerichtsort gewechselt und wird das weiter tun. Die Büchse der Pandora kriegt man ohnehin nicht mehr zu, wenn sie einmal geöffnet wurde. Was auf DVD erscheint, landet sofort im Internet.


Ein Staat misstraut seinen Bürgern

Um Missbrauch vorzubeugen, hat die Murnau-Stiftung nach eigenen Angaben 1996 bei der Library of Congress das Copyright auf Jud Süß und andere Vorbehaltsfilme verlängert. Aber was genau - siehe oben - ist ein solcher Missbrauch? Und konnte das Copyright in den USA überhaupt verlängert werden? Darüber streiten die Juristen. Die Firma International Historic Films (IHF) war zumindest bei Veröffentlichung ihrer DVD-Edition einer restaurierten Fassung von Jud Süß der Meinung, damit keine Urheberrechtsverletzung zu begehen. Wer im Rahmen der Möglichkeiten politisch korrekt sein und keine Nazi-Händler unterstützen will, wird zur IHF-DVD greifen. Für ein paar Dollar mehr erhält man den Film in besserer Bild- und Tonqualität. Dazu gibt es ein 22-seitiges Booklet mit Informationen zum Film sowie einen sehr nachdenklichen Videoessay von Eric Rentschler. Prof. Rentschler lehrt in Harvard, hat mit The Ministry of Illusion ein äußerst lesenswertes Standardwerk zum NS-Film geschrieben und ist über jeden Verdacht erhaben. In seinem Kommentar erzählt er den Amerikanern, dass Jud Süß und andere NS-Propagandafilme bei uns verboten sind, weil der deutsche Staat seinen Bürgern nicht traut. Das ist rufschädigend. Eric Rentschler kann dafür nichts. Er sagt nur, wie es ist.

Wer sich um Copyright-Fragen nicht kümmert, weil er weiß, dass er kaum zu belangen ist, lässt sich durch die Anwälte der Murnau-Stiftung nicht einschüchtern. Wenn die Stiftung etwas erreichen kann, so nur gegen den seriösen Anbieter IHF, dem an einer DVD-Edition gelegen ist, die nicht gegen das Urheberrecht verstößt. Wenn es also gelingt, sich mit der IHF zu einigen oder den Urheberrechtsanspruch juristisch durchzusetzen, kann das Ergebnis eigentlich nur sein, dass die IHF ihre DVD vom Markt nimmt. Andernfalls müsste sich die Murnau-Stiftung vorwerfen lassen, im Ausland Lizenzgebühren für einen Film zu kassieren, dessen Veröffentlichung sie im Inland verhindert. Interessierte Nicht-Nazis wären dann wieder auf die "Holocaust Study Series" eines mehr als fragwürdigen Anbieters angewiesen. Das zeigt, wie rasch man sich durch eine Verhinderungsstrategie, die im Grunde keine Strategie ist, in eine Sackgasse manövriert.

Jud Süß zu sehen, ist auch heute noch beklemmend. Statt aber juristische Kämpfe auszufechten, die letztlich nicht zu gewinnen sind, könnten wir uns der Vergangenheit stellen. Statt Geld für Anwälte und Gerichtsverfahren in den USA auszugeben, könnte man in eine eigene, sorgfältig kommentierte Edition investieren. Wie wäre es mit einer 2er-Box, Harlans Jud Süß und eine restaurierte Fassung von Mendes' Jew Süss? Dann wüssten wir endlich, wovon wir reden. Manch eine Frage, ob etwas antisemitisch ist oder nicht, würde sich durch den Vergleich von selbst erledigen, und wir würden davon loskommen, den Antisemitismus auf ein paar Dialogsätze zu reduzieren. Das ist natürlich nicht die Entscheidung der Murnau-Stiftung allein. Wir bräuchten Politiker, die bereit sind, sich von ihrem Verbots- und Deckel-drauf-Denken zu verabschieden, weil es uns außer einem gespaltenen historischen Gedächtnis (die Rentner haben den Film gesehen, die Jüngeren nicht) nichts gebracht hat.


Da sitzt er nun ...

Was wir aber haben, ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Sie hat die DVD-Edition der "NS88 Video Division" aus Texas (88 = HH = Heil Hitler) 2007 indiziert und in "Liste B" eingetragen, was zur Folge hat, dass man die DVD nicht einführen und den darauf enthaltenen Film nicht "verbreiten" - also z.B. seinen Freunden zeigen - darf. In der Begründung ist die Rede von der "zum Teil sehr subtilen Art und Weise, in der hier die übelsten antisemitischen Vorurteile - ohne jegliche kritische Kommentierung - verbreitet werden". Worin diese Subtilität besteht, erfährt man nicht. Stattdessen werden zwölf, von den Antisemiten im Film gesprochene Dialoge aufgelistet, von "Das ist ein Jude!" über "Saujude!" bis zu "Da sitzt er nun, der unselige Jude." Dazu wird noch aus dem Indizierungsantrag zitiert:


Das Drehbuch wurde frei nach einer Novelle des für seinen offen geäußerten Antisemitismus bekannten Wilhelm Hauff gestaltet. Heinrich Himmler ordnete an, dass alle Angehörigen von SS und Polizei sich diesen Film anzusehen hatten. Auch gilt es als vielfach belegt, dass "Jud Süß" den SS-Einheiten gezeigt wurde, die kurz darauf "Aktionen" gegen Juden vorzunehmen hatten, auch Wachpersonal aus den Konzentrationslagern musste den Film anschauen.

Ich bin auch der Meinung, dass Jud Süß antisemitisch ist. Der Film ist das aber nicht deshalb, weil antisemitische Charaktere zwölf antisemitische Sätze sagen. Wenn es von Wilhelm Hauff antisemitische Äußerungen gibt, heißt das noch nicht, dass auch seine Novelle antisemitisch ist - und wenn doch, sollte man diesen Text indizieren und nicht den Film von Harlan, der nicht "frei nach einer Novelle" von Hauff gestaltet ist (das galt gerüchteweise für das nicht erhaltene Exposé Metzgers von 1921). Am Verweis auf Himmler irritiert, dass die BPjM die Jugend schützen soll und nicht arme SS-Männer wie Stefan Baretzki, der sich im Auschwitz-Prozess damit verteidigte, dass er seine Opfer wie unter Zwang quälen und ermorden musste, weil er vorher Jud Süß gesehen hatte. Zwischen solchen SS-Männern und in unserer jetzt 60-jährigen Demokratie aufgewachsenen Jugendlichen besteht hoffentlich ein Unterschied.

Das ganze Indizierungsbegründung zeugt - sorry! - von der Denkfaulheit, die automatisch einsetzt, wenn man glaubt, sich durch Verbote die notwendige Auseinandersetzung sparen zu können. Schon allein deshalb, aus Gründen der Intellektualität, bin ich für eine Freigabe von Jud Süß. Das beste Gegengift zu den dumpfen Ressentiments der Alt- und Neonazis ist die Bildung, eingebettet in eine anspruchsvolle Diskussionskultur. Und natürlich gehört dazu auch die Informationsfreiheit. Wer sie einschränkt, leistet dem Vorschub, das er bekämpfen will. Die BPjM begründet die Indizierung auch damit, dass sie "ohne jegliche kritische Kommentierung" ist. Die IHF-Edition kommentiert einer der führenden Historiker des NS-Films. Das ändert gar nichts. Auch diese DVD ist indiziert, weil sie "inhaltsgleich" ist. Verbote sind bei uns besonders geschützt, weil wir sie so gern haben.

Das Wachpersonal der KZs, heißt es im Indizierungsantrag, "musste den Film anschauen". Da ist er wieder, der gute alte Zwang. Der SS-Rottenführer Baretzki und seine 19 Kameraden, die gemeinsam wegen Auschwitz vor Gericht gestellt wurden, hatten die Möglichkeit, aber sie mussten nicht. Jud Süß war Teil des Unterhaltungsprogramms. Baretzki und die anderen erfüllten ihre "Pflicht" in einem Vernichtungslager, das dazu da war, Menschen zu töten. Allein dadurch, dass sie dort Dienst taten und die Vernichtungsmaschinerie am Laufen hielten, nicht durch Jud Süß und nicht im Affekt, wurden sie zu Mördern.

Von der ersten Indizierungsentscheidung der Bundesprüfstelle am 9. Juli 1954 waren zwei Tarzan-Comics betroffen. In der Begründung steht, dass die Comics auf Jugendliche "nervenaufpeitschend und verrohend" wirken. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Die Bundesprüfstelle wusste es auch nicht. Sie nahm es an. Interessant daran ist, dass genau die Hypothese zur Wirkung von Medien übernommen wurde, die man in der Adenauer-Zeit immer wieder nachbetete, weil sie nach allgemeiner Übereinkunft die Täter der NS-Zeit entschuldigen konnte. Sie ist uns bis heute erhalten geblieben. Die "Nervenaufpeitschung" spielt aber in der Geschichte der Shoah eine eher untergeordnete Rolle. Die Mörder und ihre Komplizen, schreibt Jens Hoffmann in "Das kann man nicht erzählen", waren "gewöhnliche deutsche Männer, deren hervorstechende Eigenschaft gerade ihre Leidenschaftslosigkeit war".

Kindern würde ich Jud Süß nicht zeigen. Wenn aber heute, 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, ein Jugendlicher oder ein Erwachsener, der den Film gesehen hat, tatsächlich glaubt, dass "die Juden" von der Gier nach Geld und vollbusigen Blondinen getrieben sind und man sie deshalb aus der Stadt werfen muss, war er mit großer Sicherheit schon vorher ein Antisemit. Einem Film, der seit 1945 verboten ist, kann man dafür nicht mehr die Schuld geben. Er kann höchstens etwas sichtbar machen, dem wir lieber Alberichs Tarnkappe überziehen würden. Jud Süß sahen nicht nur, wie die Bundesprüfstelle suggeriert, die SS-Einheiten, auf die wir uns als Täter geeinigt haben, sondern 20 Millionen Deutsche.

Thomas Harlan in "Wandersplitter"

Im Dritten Reich gab es ein perfekt funktionierendes Ministerium für Propaganda, Übermächtigung und Massensuggestion, das die Deutschen dazu brachte, dass sie taten, was der Führer wollte. So steht es meistens in den Filmgeschichten. Wir vergessen dabei, dass wir damit die Selbstdarstellung des Dr. Joseph Goebbels übernehmen. Seine Vorstellungen vom Medienangebot, das in der Lage ist, beim Publikum eine bestimmte, vom Produzenten beabsichtigte Wirkung hervorzurufen, haben wir uns in der Bundesrepublik dankbar angeeignet. Sie war willkommen, weil sie bequem zur Selbstentlastung führte. Die Alternative bestünde darin, dass wir selbst Verantwortung übernehmen, statt die Schuld bei einem Film zu suchen. Wie man das macht, zeigt nun schon ein Leben lang Thomas Harlan. Für ihn interessieren wir uns viel weniger als für seinen Vater, den die Aura des Verbotenen umgibt. Das sollten wir so schnell wie möglich ändern. Als Einstieg empfehle ich Thomas Harlans Romane Rosa und Heldenfriedhof, dazu die Doppel-DVD Thomas Harlan - Wandersplitter und Krystyna von Liane Dirks.